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NEUROLINGUISTISCHES PROGRAMMIEREN
Über den (Un) Sinn einer Namensgebung
Als Neurolinguist beschäftige ich mich tagtäglich, in der Arbeit
mit KlientInnen und AusbildungsteilnehmerInnen,
mit der sprachlichen Codierung von Erfahrung.
Wir wissen, dass Erfahrung nicht eins zu eins in Sprache übersetzt
werden kann.
Die Linguistik beschreibt 3 Kategorien, die modellhaft verdeutlichen,
wie Erfahrungswerte gefiltert und "komprimiert" in Form von
Sprache formuliert werden:
- bestimmte Aspekte werden weggelassen
- andere werden verallgemeinert
- Zusammenhänge und Verknüpfungen mit anderen
Erfahrungen werden gebildet
Sprache ist aber nicht nur eine Ausdrucksform von Erfahrung, sie wirkt
auch wiederum erfahrungsinduzierend.
In der therapeutischen Praxis ist dieses Phänomen sehr gut zu beobachten:
verallgemeinernde, meist in Ursache - Wirkungs - Zusammenhänge gekleidete
Beschreibungen von Problemerleben,
verstärken die "Problemtrance".
Was drückt nun der Name NEUROLINGUISTISCHES PROGRAMMIEREN aus und
wie wirkt er ?
PROGRAMMIEREN ist ein Verb und drückt somit eine Tätigkeit
aus.
Zu jedem Vorgang des Programmierens gehört jemand, der programmiert,
und etwas oder jemand, der oder die programmiert wird.
Diese Informationen nach dem WER und nach dem WEN oder WAS sind hier
getilgt.
Richard Bandler, einer der Mitbegründer des NLP, hat einmal großen
Wert darauf gelegt, sich selbst und die Absolventen seiner Ausbildungsgruppen
als NEUROLINGUISTISCHE PROGRAMMIERER zu bezeichnen.
Die Frage nach dem WER wäre also somit geklärt, und die Frage
nach dem WEN oder WAS ergäbe sich logischerweise aus dem Betätigungsfeld
der NLPler:
Kommunikationssituationen aller Art.
Folgerichtig wären es also die Gesprächspartner, KlientInnen
usw., die programmiert werden.
Und genau an diesem Punkt ist die Angst vieler Menschen vor Manipulation
begründet:
Das PROGRAMMIEREN im Titel lädt ja förmlich dazu ein, in Manipulationsassoziationen
hinein zu gehen.
Wenn man sich Bandler´sche Manuale ansieht, z.B. das über
Hypnose, könnte man fast glauben, das wäre auch genauso gewollt.
Geht es doch dort u.a. darum, möglichst trickreich "geniale"
Suggestionen beim Klienten zu platzieren.
In den letzten 13 Jahren, in denen ich als NLP - Lehrtrainer Ausbildungen
anbiete,
haben Interessenten vielfach ihre Sorge, bezogen auf Manipulation, artikuliert,
und zwar vor allem dergestalt, dass sie befürchteten,
dass mit ihnen etwas gegen ihren Willen gemacht werden würde.
Die formulierten Befürchtungen in Bezug auf NLP erinnern mich an
Befürchtungen, die in Bezug auf Hypnose geäußert werden.
Doch die Befürchtungen und Ängste sind lediglich eine Seite
der Medaille.
Auf der anderen Seite weiß man, dass vermeintliche Manipulationswerkzeuge
eine ungeheure Faszination auf Menschen ausüben können.
Wenn nun beide Seiten in einem Menschen vereint sind, und dieser Mensch
sich mit diesen gegensätzlichen Anteilen in Therapie
oder Beratung begibt, entsteht eine paradoxe Situation:
Einerseits wünscht der/die KlientIn, dass Veränderungs- oder
Heilungsimpulse von aussen kommen,
ohne dass er dafür Verantwortung zu tragen braucht, und andererseits
fürchtet er/sie die Macht des/der TherapeutIn.
In dieser Situation hilft erstmal ein offenes transparentes Gespräch,
bei dem Vereinbarungen über die Art der Zusammenarbeit im therapeutischen
Kontext getroffen werden.
In der historischen Entwicklung der Hypnose hat es entsprechend den gesellschaftlichen
und politischen Verhältnissen
unterschiedliche Ansätze gegeben.
Der Ansatz, den die meisten Laien (aber nicht nur die) heute noch mit
Hypnose verbinden, ist bekannt als der autoritäre Ansatz.
Er ist charakterisiert durch folgende Aspekte:
Das Unbewusste wird als eine Art "tabula rasa" gesehen, in
die Suggestionen eingepflanzt werden.
- Der Hypnotiseur hat Macht über den/die KlientIn
- Der Klient trägt keine Eigenverantwortung,
sondern hat sie an den Experten (den/die TherapeutIn) abgegeben
- Die Einzigartigkeit des/der KlientIn findet keine Berücksichtigung
Wie oben schon angedeutet, hat die Hypnose eine Entwicklung vollzogen,
so dass man heute vom kooperativen Ansatz spricht.
Diese Kooperation im Kontakt zwischen KlientIn und TherapeutIn ist gekennzeichnet
durch das Wissen um
- die Einzigartigkeit und Eigenverantwortlichkeit des/der
KlientIn
- die Autonomie des Klienten- und des Therapeuten- Systems
- die Wichtigkeit der Akzeptanz und Würdigung (auch
Angleichung)
- die Wichtigkeit von Flexibilität in der Beziehungsgestaltung
- Utilisationsmöglichkeiten
Die Begründer des NLP waren allesamt Schüler von Milton Erickson,
dem Begründer der modernen Hypnotherapie.
Schaut man sich den geistigen Nährboden und die davon abgeleiteten
Grundannahmen des NLP an,
so erkennt man nicht nur deutlich die erickson`sche Haltung, sondern auch
die Ideen des sozialen Konstruktivismus:
- Jeder Mensch ist einzigartig
- Wirklichkeit ist nicht objektiv, sie entsteht im "Auge
des Betrachters"
- Jeder Mensch hat ein eigenes Modell von der Welt
- Je nach dem, wie ein Mensch ein Ereignis bewertet, je
nach der Art der Bedeutungsgebung, konstruiert er seine persönliche
Realität
- Menschen reagieren nicht auf Ereignisse an sich,
sondern auf die eigenen inneren Interpretationen der Ereignisse
Diese Liste mit konstruktivistischem Gedankengut könnte weiter fortgesetzt
werden.
Jedem NLPler sind diese Sätze bekannt.
Wenn man sie ernst nimmt, könnte man daraus ableiten, dass in Kommunikationssituationen
unterschiedliche Welten miteinander in Kontakt kommen. Soll es in diesem
Kontakt um Verstehen der subjektiven Realitätskonstruktionen des
Gesprächspartners gehen
- und dies gilt insbesondere für den Beratungs- und Therapiekontext
- müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein:
- man braucht Interesse, und die Offenheit der Sinne,
die andere Person in ihrer
Individualität, mit ihren Werten, Überzeugungen und Kompetenzen
kennen zu lernen
- man braucht eine wertschätzende Grundhaltung, in
der die subjektiven Landkarten
des Anderen akzeptiert und gewürdigt werden
- man braucht die Bereitschaft, sich auf eine Weltsicht
einzulassen, die anders ist als die eigene, in der es andere Assoziationen
gibt, und in der Assoziationen anders miteinander verknüpft sind
als in der eigenen
Sind diese Voraussetzungen erfüllt, können entsprechend den
Vereinbarungen und Verträgen, unterstützende Angebote für
gewünschte Veränderungen gemacht werden.
In der erickson`schen Therapie gibt es einen zentralen Begriff: UTILISATION
Utilisation bezeichnet eine zieldienliche Nutzbarmachung von Aspekten
aus dem Klientensystem.
Im NLP ist dieser Ansatz aufgegriffen worden in der Idee des Pacing/Leading.
Utilisation bezieht sich auf:
- die Haltung des/der KlientIn (Körperhaltung, Gesten,
kinästhetische Anker)
- die Werte und Überzeugungen des/der KlientIn
- Was er/sie mag und was nicht
- Denk- und Fühlmuster
- Strategische Aspekte (Mikro und Makro)
- Die systemische Dynamik
(wie ein/eine KlientIn eingebunden ist in systemische Zusammenhänge)
- Ressourcen und Kompetenzen
Die von Ericksson dokumentierten Fälle sind verwurzelt in diesem
Utilisationsansatz.
Was immer du an Informationen hast, erlaube es, dir sie zu nutzen
Für Jeff Zeig ist dieser Ansatz
eine Philosophie der Effizienz.
Sie macht die Therapie experimentell und erfinderisch und ist die
Grundlage für Lösungen.
Wir sagen den Menschen nicht, was sie denken, fühlen und tun sollen.
Im NLP gibt es reichhaltiges Repertoire von Utilisationsmethoden.
Nur - was hat das mit PROGRAMMIEREN zu tun ?
Meiner Meinung nach ist dieses PROGRAMMIEREN irreführend, weil es
die Methodenfülle und die darin enthaltene Vielseitigkeit und Kreativität
in den Dienst eines einseitigen Leading - Prozesses stellt.
Die schöpferischen Möglichkeiten wirken dadurch ärmlich
kanalisiert und gebremst.
In den letzten Jahren haben sich im Übrigen viele Kollegen mit der
offiziellen Übersetzung dieses P schwer getan.
Bei einigen wird es übersetzt als PROZESSARBEIT, in meinem Institut
hat die Übersetzung PSYCHOLOGIE seit einigen Jahren Bestand.
Am einfachsten allerdings haben es diejenigen, die NLPt anbieten.
NEUROLINGUISTISCHE PSYCHOTHERAPIE ist glücklicherweise von diesem
PROGRAMMIEREN befreit.
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