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"Übertragung und Gegenübertragung" aus
konstruktivistischer Sicht
In der psychoanalytischen Lehre wird "Übertragung" traditionell
gesehen als die Verlagerung von Impulsen/Regungen/Gefühlen,
die der Klient in früheren Beziehungen zu emotional wichtigen Bezugspersonen
gelernt hat, auf den Therapeuten.
"Übertragung" wurde von Freud ursprünglich gleichgesetzt
mit "Affektverschiebung": das impliziert die Vorstellung,
dass der Klient unbewusst die Affekte, die er z.B. in Beziehung zu seinem
Vater gelernt hat, auf den Therapeuten verschiebt.
Die "verdrängte Kindheitsneurose" wird in diesem Denken
als "Übertragungsneurose", also unter dem Einfluss eines
"Wiederholungszwanges", in der therapeutischen Beziehung aktualisiert.
Dieser Widerhall früher gelernter Beziehungsmuster ruft seinerseits
ein Echo im Therapeuten hervor, genannt "Gegenübertragung".
Als "Gegenübertragung" wird die emotionale Reaktion des
Therapeuten auf die "Übertragung" des Klienten bezeichnet.
Paula Heimann ging sogar davon aus, dass "Gegenübertragung"
alle Gefühle umfasse,
die der Therapeut in der Beziehung zum Klienten erlebt.
Ursprünglich wurde "Gegenübertragung" vom Therapeuten
zum Klienten als etwas angesehen,
das den Therapieverlauf stört und negativ beeinflusst.
Infolgedessen war die Vermeidung von emotionalen Reaktionen die gängige
Lehrmeinung.
Dem Therapeuten wurde die Funktion eines "leeren Spiegels" zugeschrieben
- in dem sich die verzerrten (weil übertragenen) Gefühle des
Klienten abzeichneten -
und er hatte peinlichst genau darauf zu achten, jede emotionale Reaktion
in sich auszumerzen.
Hätte er emotional reagiert, so hätte er im Verdacht gestanden,
auf die Übertragungen des Klienten unbewusst reagiert zu haben.
Und das wurde als Fehler gewertet.
Das Modell von "Übertragung und Gegenübertragung"
impliziert eine in starkem Maße sezierend - kontrollierende Haltung
des Therapeuten und gibt Aufschluss auf eine spezifische, eher fehler-
und pathologie- orientierte Sicht der therapeutischen Beziehung.
Das Modell gründet zudem in einer Zeit, in der man davon ausging,
dass der Therapeut eine objektive, eine von außen beobachtende,
abstinent neutrale Position einzunehmen hat.
Heute und nicht zuletzt aufgrund der Erkenntnisse von Gregory Bateson
und der Konstruktivisten geht man
von anderen Prämissen aus.
Man weiß, dass ein Therapeut immer auch Teil des Therapiekontextes
bzw. des therapeutischen Systems ist.
Der Therapeut ist mit seiner eigenen Biographie, mit all seinen Erfahrungen,
seinen Gedanken, Gefühlen und mit seinen Erkenntnismöglichkeiten
anwesend.
Die Annahme, dass es eine objektive Wirklichkeit gibt, die von außen
zu beobachten wäre,
ist philosophisch und wissenschaftlich nicht haltbar.
Gerade in sozialen Kontexten schafft die persönliche Bewertung und
Bedeutungsgebung eine subjektive Wirklichkeit.
Insofern ist der Therapeut selbstverständlich aktiv an den "Konstruktionen
der Wirklichkeit" beteiligt.
Einer der Mitbegründer konstruktivistischer Ideen, Heinz von Förster
(Professor für Informatik, Biophysik, Physiologie)
hat sehr treffend einfach formuliert:
Es ist doch ein unglaubliches Wunder, das hier stattfindet.
Wenn man nur für einen Moment sagt:
Das bist du, der diese Sicht der Welt produziert, das ist nicht draußen,
das ist nicht irgendeine sogenannte objektive Wirklichkeit,
auf die man sich beziehen kann.
Man kann nicht mehr andere verantwortlich machen für das, was man
sieht, denn man ist ja selbst derjenige,
der diese Sicht konstruiert.
Die Menschen erhalten ihre Verantwortung in größtmöglichem
Maße wieder zurück,
können sie nicht an irgendeine übergeordnete Instanz oder irgendwelche
äußeren Umstände abschieben.
Sie werden Beteiligte.
In diesem neuen Verständnis ist der Therapeut ein Beteiligter -
und das hat nachhaltigen Einfluss auf die Art der Gestaltung der therapeutischen
Beziehung.
Ich plädiere dafür, die therapeutische Beziehung als eine partnerschaftliche
Kooperation zu sehen,
bei der jede beteiligte Person eine spezifische Verantwortung trägt:
- Der Klient trägt die Verantwortung für sich
selbst und für sein Thema, mit dem er in Therapie gekommen ist.
- Der Therapeut trägt die Verantwortung für
sich selbst und für seine Interventionsangebote und unterstützt
den Klienten darin, eigenverantwortlich sinnvolle Lösungskonzepte
zu entwickeln.
Eine logische Konsequenz aus dieser Sicht ist, dass der Klient innerhalb
einer kooperativen therapeutischen Beziehung lernt,
mehr und mehr in eigene Kompetenzen zu vertrauen, sein Selbstbewusstsein
und seinen Selbstwert weiter zu entwickeln und selbständig Lösungen
zu entwickeln.
Um einen Kontrast zu schaffen, möchte ich kurz auf eine weniger kooperative
Art der Beziehungsgestaltung zu sprechen kommen.
Die Beziehungsstruktur entspricht in etwa einem Arzt - Patienten - Verhältnis.
Auf die Aufforderung des Klienten Sagen Sie mir, was genau mein Problem
ist, wo es herkommt und lösen Sie es !
reagiert der Therapeut, indem er die Verantwortung für Diagnostik,
Ursachenforschung und Problemlösung übernimmt.
Im Extremfall wird dadurch der Klient zu einer Konsumhaltung eingeladen
und in seiner Hilflosigkeit bestätigt.
Der Therapeut seinerseits läuft Gefahr, in eine "Expertenfalle"
zu geraten,
in der er für den Klienten immer neue Zuschreibungen und Ratschläge
ersinnt.
Der Klient vertraut in das Experten - Knowhow und in die diagnostische
Kompetenz des Therapeuten und
delegiert jegliche Verantwortung.
Er ist, um es mal so zu formulieren, den Diagnosen und Ratschlägen
des Therapeuten "ausgeliefert".
Kann er die Ratschläge des Therapeuten nicht annehmen oder nicht
umsetzen, wird häufig die Therapie beendet.
Der Therapeut verliert seine Kompetenz.
In meiner eigenen therapeutischen Praxis häufen sich in den letzten
Jahren die Fälle, bei denen Klienten schildern,
über Jahre in psychoanalytischer Therapie gewesen zu sein und dass
die therapeutische Beziehung mittlerweile als vorherrschendes Problem
wahrgenommen wird.
Es ist ja auch kein Wunder: wenn ein Klient (und ich hab mehrere dieser
Fälle) über 5 oder 7 Jahre zweimal die Woche
in Therapie geht, so liegt der Verdacht nahe, dass da ein Abhängigkeits-
Verhältnis entsteht,
bei dem alle Varianten von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen
im klassischen Sinne zu tragen kommen.
Und die Frage sei erlaubt, inwieweit Übertragungsphänomene nicht
an sich schon gefördert werden,
indem die "Hilfsbedürftigkeit" des Klienten in eine therapeutische
Beziehung hineingetragen wird,
die durch ein Autoritätsgefälle (wie im Arzt - Patienten - Verhältnis)
charakterisiert ist.
Ist das nicht schon an sich eine Einladung an den Klienten, in eine kindliche
Position zu regredieren,
den Therapeuten als Vater- oder Mutterfigur o.a. zu sehen und die im Herkunftssystem
gelernten Gefühle zu übertragen
?
Und ist es nicht angesichts einer solch direktiven und hierarchischen
Beziehungsstruktur allzu logisch,
wenn der Therapeut sich eingeladen fühlt, auf die Hilfsbedürftigkeit
des Klienten väterlich oder mütterlich zu reagieren
?
Eine kooperative therapeutische Beziehung impliziert ein partnerschaftliches
Miteinander,
bei dem sehr klar differenzierend mit der Frage der Verantwortung umgegangen
wird.
Und mal angenommen, es gäbe so etwas wie "Übertragung",
wäre es nicht sinnvoll, das als Beziehungsangebot des Klienten wahrzunehmen
und für den therapeutischen Prozess zu nutzen ?
Und wäre es nicht sinnvoll, die Beziehungsangebote aufmerksam wahrzunehmen
und angemessen und authentisch darauf zu reagieren ?
Wenn man schon mit diesen Begriffen (Übertragung, Gegenübertragung)
jongliert, wäre eine positive Konnotation angebracht.
Als Therapeut will ich auf Beziehungsangebote meiner Klienten reagieren.
Und da, wo vom Klienten übertragene Gefühle auf einen Herkunftskontext
hindeuten, sind sie doch ein wichtiges Signal,
gelernte Beziehungsstrukturen und deren Entstehungszusammenhänge
zu erkennen und zu verstehen.
Ich hab gute Erfahrungen damit gemacht, immer mal wieder auf die Meta
- Ebene zu gehen und auch meine Klienten dorthin einzuladen. Aus einer
beobachtenden, distanzierten Position lassen sich spezifische Kommunikations-
und Interaktionsmuster gut anschauen.
Im Vordergrund meiner eigenen therapeutischen Haltung steht weniger die
Frage, wie ich Gegenübertragungen vermeiden kann, sondern eher die
Frage, wie ich authentisch und professionell, gewissenhaft reflektierend
und flexibel einen Arbeitsauftrag
erfüllen kann, der sich an der eigenen ethischen Grundhaltung und
an den Aufträgen
(die es selbstverständlich zu hinterfragen gilt)
und Zielen der Klienten orientiert.
Es geht darum, passende Konzepte anzubieten,
die für den therapeutischen Prozess förderlich und für
einen Lösungsbezug hilfreich sind.
Einer meiner Lehrer hat einmal sinngemäß formuliert:
Jeder therapeutische Prozess ist ein gemeinsamer Tanz, bei dem Klient
und Therapeut gleichermaßen beteiligt sind.
Dass beide ein großes Repertoire an Möglichkeiten haben, diesen
Tanz vielfältig zu gestalten, davon gehe ich aus.
Und inwieweit zum Selbstverständnis eines Therapeuten gehört,
mal mehr oder weniger emphatisch zu sein,
mal mehr oder weniger berührt zu sein, mal mehr oder weniger distanziert
zu sein, usw., das bleibt jedem selbst überlassen.
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