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Lernende Organisationen

Lernende Organisationen

Die Gesellschaft, in der wir leben, ist eine Leistungsgesellschaft. Konkurrenz belebt das Geschäft – wie es so schön heißt. Was zählt, sind Ergebnisse.
Und beim Erreichen dieser Ergebnisse spielen menschliche Bedürfnisse meistens eine untergeordnete Rolle. Um so erstaunlicher ist es, daß in den letzten Jahren vor allem im Wirtschaftsbereich Konzepte entwickelt wurden, die ein menschliches Miteinander wieder mehr in den Vordergrund gestellt haben. Einem dieser Konzepte möchte ich heute meine Aufmerksamkeit schenken.

 

Es sei vorab noch bemerkt, daß die nachfolgenden Grundprinzipien und Entwicklungsmöglichkeiten hin zu einer „Lernenden Organisation“ keineswegs nur auf den Wirtschaftsbereich anwendbar sind, sondern in allen Varianten von sozialen und unternehmerischen Systemen sinnvoll sind.
Die Struktur von Lernenden Organisationen ist ausgerichtet an den Bedürfnissen nach Kontakt, Kommunikation und Entwicklung.
Sie basiert auf der Grundannahme, daß mit zunehmender technologischer Komplexität auch das Bedürfnis nach einem angemessenen menschlichen Umgang zunimmt, daß es entsprechend dem „High tech“ auch ein „High touch“ im zwischenmenschlichen Bereich braucht.

 

Grundprinzipien

  • Es braucht eine grundlegende Bereitschaft zur Überarbeitung und Weiterentwicklung bestehender Strukturen.
  • Das Lernen selbst ist wichtig. Wenn Menschen die Freude am Lernen für sich entdecken, entsteht die Motivation, Neues mit Begeisterung auszuprobieren und anderen Menschen beim Lernen zu helfen.
  • Jede Lernerfahrung ist wertvoll und einzigartig; alle verdienen, gleichermaßen gewürdigt zu werden.
  • Unterschiedliche Denkstile und Lernpräferenzen vergrößern das Spektrum der Wahlmöglichkeiten.
    Je mehr wir voneinander wissen, desto größer wird die gemeinsame Kommunikationsbasis.
  • Ideen lassen sich am besten im Austausch entwickeln. Kooperation nützt wesentlich mehr als Konkurrenz.
  • Wichtiger Bestandteil einer Lernkultur ist die realistische Selbsteinschätzung der beteiligten Personen.
    Um das zu erreichen, braucht es fest installierte Rituale, bei denen Feedback gelernt und regelmäßig geübt wird.
  • Es gibt keine Heiligen Kühe. Alles bedarf neuer Betrachtung und Erforschung.
  • Jedes Lernen beinhaltet mindestens 2 Komponenten:Die Beschäftigung mit dem Thema
    Die Entwicklung angemessener Modalitäten des Lernens
  • Was beim Lernen leichtfällt, ist logisch, ethisch/moralisch und macht Spaß.
  • Fehler sind ein Sprungbrett zu kontinuierlichem Lernen und nötig für Entwicklung.
    Lernen aus Fehlern schafft neue Möglichkeiten und ist wesentlich für den Erfolg.

 

Um eine bestehende Organisation prozeßhaft hinzuentwickeln zu einer Lernenden Organisation, braucht es eine Reihe von Schritten, die ich wie folgt beschreiben möchte:

  • Klären des Ist – Zustandes
  • Würdigung der Persönlichkeit und der individuellen Fähigkeiten
  • Fördern einer ressourcevollen Interaktion
  • Tradition und Veränderung
  • Die Welt ist eine Bühne

 

Klären des Ist – Zustandes

 

In diesem ersten Schritt geht es um die Wahrnehmung und Analyse dessen, was ist. Ähnlich dem Beginn eines therapeutischen Prozesses ist es wichtig, Informationen zu sammeln, über das bestehende Betriebsklima.
Zu wissen, was die Mitarbeiter und Kollegen denken, wie die Beziehungsstrukturen sind, ist ein wesentlicher Bestandteil einer ehrlichen und angstfreien Bestandsaufnahme.
Methodisch gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, um ein klares und deutliches Bild der gegenwärtigen Realität zu erhalten.

Nachfolgend seien 4 Möglichkeiten genannt:

 

1) Die einfachste Variante ist die, einen Fragebogen von allen Mitarbeitern ausfüllen zu lassen, dessen Ergebnisse hinterher für alle zugänglich gemacht werden.

Hier ein Beispiel eines Fragebogens aus der Wirtschaft:

Beantworten Sie bitte die folgenden 36 Fragen, indem Sie für jede Frage aus einer Bewertungsskala von 1-5 die zutreffenste Antwort eintragen:

1 = überhaupt nicht
2 = in geringem Maße
3 = mäßig
4 = in hohem Maße
5 = in sehr hohem Maße

Die gegenwärtige Realität in meiner Organisation beurteile ich folgendermaßen:

  • Es herrscht eine Atmosphäre, in der die Beschäftigten frei untereinander austauschen, was sie gelernt haben.
    Es gibt keine Angst, keine Drohungen und kein Nachspiel, wenn nicht alle einer oder einmal einzelne anderer Meinung sind.
  • Fehler von Einzelnen oder Abteilungen werden in konstruktive Lernerfahrungen umgewandelt.
  • Allgemein hat man das Gefühl, daß es immer möglich ist, einen Weg zu finden, etwas noch besser zu machen.
  • Vielfältige Standpunkte und offene, produktive Debatten werden gefördert und kultiviert.
  • Experimentieren wird gebilligt und gutgeheißen. Experimentieren ist eine Art, Geschäfte zu machen.
  • Im gesamten System werden Fehler deutlich als positive Chancen für Wachstum gesehen.
  • Es besteht die Bereitschaft, alte Muster aufzubrechen, um mit unterschiedlichen Ansätzen
    zur Organisation und Erledigung der täglichen Arbeit zu experimentieren.
  • Die Managementpraktiken sind innovativ, kreativ und nehmen Risiken in Kauf.
  • Das Arbeitsklima verbessert sich zusehends.
  • Es gibt formelle und informelle Strukturen, die die Beschäftigten ermutigen, sich mit ihren
    Arbeitskollegen und der übrigen Organisation darüber auszutauschen, was sie gelernt haben.
  • Man hat den Eindruck, Zweck der Organisation sei es, zu lernen und Probleme zu lösen.
  • Auf allen Ebenen der Organisation wird Lernen erwartet und gefördert: Management, Beschäftigte, Supervision, Gewerkschaft, Aktionäre, Kunden.
  • Die Beschäftigten haben einen Überblick über die Organisation als ganze, über ihren Spezialbereich und ihre spezielle Funktion hinaus, und stimmen ihre Arbeitsabläufe auf diesen Überblick ab.
  • Es finden „Was haben wir gelernt“-Sitzungen statt, die so geleitet werden, daß sie zu deutlichen, konkreten und dauerhaften strukturellen und organisatorischen Veränderungen führen.
  • Managementpraktiken, -handlungen, -politik und -prozeduren, die das kontinuierliche Wachstum der Beschäftigten und der Organisation behindern, werden obsolet und durch funktionsfähige Systeme und Strukturen ersetzt.
  • Es wird kontinuierliche Verbesserung erwartet; man ist empfänglich für kontinuierliche Verbesserung.
  • Jedem Beschäftigten stehen eine bestimmte Anzahl von Trainings- und Schulungsstunden pro Jahr zu.
  • Auf allen Ebenen wird die Belegschaft konkret an relevante und wertvolle Schulungs- und Lerngelegenheiten herangeführt, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Organisation.
  • Es wird erwartet, daß regelmäßig funktionsübergreifende Lerngelegenheiten stattfinden, so daß alle Beschäftigten die Funktion der anderen Beschäftigten mit unterschiedlichen, aber ähnlich bedeutsamen Aufgaben verstehen.
  • Vom mittleren Management wird erwartet, daß es dafür sorgt, daß der Lernprozeß flüssig und glatt durch die gesamte Organisation verläuft.
  • Das Unerwartete wird als Lerngelegenheit gesehen.
  • Die Beschäftigten streben danach, sowohl ihre eigene Kompetenz als auch die der ganzen Organisation zu erhöhen.
  • Systeme, Strukturen, Politik und Prozeduren der Organisation sind auf Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Sensibilität für interne und externe Stimuli ausgelegt.
  • Selbst wenn das Umfeld der Organisation momentan kompliziert, chaotisch, in ständiger Bewegung ist, entsteht keine Überlastung.
  • Es gibt einen gesunden, verkraftbaren, lernfördernden Streßlevel.
  • Kontinuierliche Verbesserungen werden praktiziert.
  • Die Beschäftigten werden ermutigt und mit den erforderlichen Ressourcen ausgestattet, um sich selbst anleitende Lerner zu werden.
  • Es gibt ein formelles, kontinuierliches Schulungsprogramm, das das mittlere Management auf seine neue Rolle als Lehrer, Coachs und Führungskräfte vorbereitet.
  • Das Erkennen sowohl des eigenen Lernstils wie auch der Lernstile von Mitarbeitern dient der Verbesserung der Kommunikation und des Lernniveaus der Organisation als ganzer.
  • Das Management ist sensibel für Lernen und Unterschiede in der persönlichen Entwicklung der Beschäftigten.
    Das Management nimmt wahr, daß die Beschäftig-ten dazulernen und ihre jeweilige Situation auf mannigfache Weise verbessern.
  • In den beruflichen Terminplänen der Beschäftigten ist genügend Zeit eingeplant, um von Zeit zu Zeit einen Schritt Abstand von den täglich anfallenden Arbeiten zu nehmen und zu reflektieren, was in der Organisation vor sich geht.
  • Entscheidungsverantwortung und Ressourcen werden absichtsvoll verteilt, um einen deutlichen und anhaltenden Lerneffekt zu erzielen.
  • Teams werden für ihre innovativen und paradigmenbrechenden Problemlösungen anerkannt und belohnt.
  • Das Management entwickelt beachtliches Geschick beim Sammeln von Informationen und bei der Entfaltung seiner Fähigkeiten, mit anspruchsvollen und wechselnden Managementsituationen schrittzuhalten.
  • Die Manager versetzen ihren Stab in die Lage, sich selbst zu entfalten („Selbstentwickler“ zu werden) und zu lernen, bessere Leistung zu erbringen.

 

Sobald die Fragebögen ausgewertet sind, werden die Ergebnisse veröffentlicht, damit die notwendige Transparenz hergestellt wird. Manchmal ist es sinnvoll, den Bericht von externen Unternehmensberatern in einer Weise präsentieren zu lassen,
die nach dem Verlesen jedes Abschnittes zu Fragen und Anmerkungen ermuntert.

 

2) Eine zweite Variante der Standortbestimmung eines Teams oder einer Gruppe ist die von Dave Francis und Don Young entworfene Teamuhr:

 

Es lassen sich in der Entwicklung eines Teams vier Phasen unterscheiden:

 

  • Forming
    Das ist die Phase, in der sich eine Gruppe zu einem Team formt. Meinungsaustausch findet statt. Die Mitglieder suchen ihre Positionen im Team. Die Forming-Phase st die Kennenlern-Phase und ist geprägt von formeller Höflichkeit.
  • Storming
    Jetzt wird festgelegt, wie zusammen gearbeitet wird. Gruppenregeln werden erstellt. In dieser Phase zerbrechen viele Teams.
  • Norming
    Die Gruppe gibt sich Spielregeln für die Zusammenarbeit. Es wird festgelegt, wer welche Rolle übernimmt. Möglichkeiten der Kooperation werden erforscht.
  • Performing
    Das Team agiert, orientiert am gemeinsamen Ziel. Es herrscht eine Atmosphäre von Wertschätzung und Anerkennung.

 

 

3) Eine weitere Variante der Bestandsaufnahme – in der systemischen Therapie hinlänglich bekannt – ist die des kinästhetischen Modellierens des Ist-Zustandes.
Hierbei geht es um das Sichtbar- und Erfahrbarmachen der aktuellen Beziehungsmuster der Teammitglieder.
Die Aufstellung aller Personen, die dem Team oder der Gruppe zugehörig sind, ist ähnlich dem Aufstellen von Familien in der
Familientherapie. Nach systemischen Gesichtspunkten werden bestehende Interaktionsmuster, Allianzen und Ausgrenzungen dargestellt. Diese Art der Darstellung hat enorme Vorteile gegenüber einer lediglich verbalen Form der Klärung:
Die Bilder und Überzeugungen aus den Köpfen der Beteiligten werden in lebendiger und dreidimensionaler Form auf die Bühne gebracht, wo jeder sie klar und deutlich erkennen kann. Darüber hinaus fördert kinästhetisches Modellieren die Verhaltenskongruenz im Sinne des bewußten Einübens nonverbaler Kommunikation.

Grundlage dieser Arbeit ist das systemische und ganzheitliche Denken: Ganzheitliches und systemisches Denken lehrt uns, das Individuelle, das ganz Persönliche zu beachten und gleichzeitig die Beziehungen, in denen wir leben und den Kontext verschiedener komplexer und miteinander verbundener Strukturen bei unserer Arbeit mit Menschen zu berücksichtigen.
Wenn wir verstehen, daß es keine Verlierer zu geben braucht, wenn es um die Verwirklichung menschlicher Bedürfnisse geht, sondern darum, zu erreichen, daß auf der Basis gemeinsamer Werte persönliche Bedürfnisse und Ziele systemisch integriert werden können,
so ist das ein Reifungsprozess, der allen nutzt und Bereicherung schafft für die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft.
4) Unter NLP-Aspekten lassen sich einige Grundmodelle für verbale Kommunikation zum Sammeln von Informationen nutzen:

 

Repräsentationssysteme
Entscheidend ist hier die Frage, welche Sinnessysteme auf welche Art von welchen Personen in der sprachlichen Kommunikation vorwiegend genutzt werden.

 

Wer nutzt visuellen
auditiven
kinästhetischen
olfaktorisch/gustatorischen Sprachgebrauch ?

 

Visuelle Sprachformen:
Einleuchtend, offensichtlich, klar, Überblick, Ansicht, Perspektive, in einem anderen Licht sehen, Aspekt, Durchblick, Einblick, Aufsicht, Einsicht, Absicht, schleierhaft, trüb, düster, strahlend, glänzend, aufblitzen, ausmalen, Fokus, unscharf, grau in grau, rosa Brille, schwarz sehen, ein heller Kopf, unter die Lupe nehmen, ins Auge fallen, verschwommen, Erleuchtung, Horizont.

 

Auditive Sprachformen:
Das stimmt, Zustimmung, sich einstimmen, klingen, Harmonie, unerhört, Einklang, Anklang, das hört sich gut an, ich sag mir, das schreit zum Himmel, Echo, Widerhall, Donnerwetter, es macht klick, eine leise Ahnung, knistern, in den höchsten Tönen, sang- und klanglos, die erste Geige spielen, den Marsch blasen, Einflüsterungen, die Stimme der Vernunft.

 

Kinästhetische Sprachformen:
Begriff, das liegt auf der Hand, schwerfällig, leichtsinnig, hart anpacken, zugreifen, niederschlagen, prickelnd, das läßt mich kalt, in der Hitze des Ge-fechts, schweißtreibend, auf etwas stoßen, heiß auf etwas sein, kühle Atmosphäre, das kratzt mich nicht, es juckt mich in den Fingern, handhaben, Belastung, Erleichterung, umfassend, überstürzt, aufbauend, rauhe Sitten, beißend, Ansporn, aufstacheln, im Handumdrehen, Auftreten, eintreten.

 

Olfaktorisch- Gustatorische Sprachformen:
Dufte, mir stinkt’s, das schmeckt mir nicht, das riecht nach …, ich habe die Schnauze voll, Geschmack, durchkauen, fad, anrüchig, etwas wittern, Schnüffler, Spürnase, sauer sein, bittere Erfahrung, süße Träume, die Nase rümpfen, ein gefundenes
Fressen, ein Leckerbissen

 

Wahrnehmungspositionen
Die Position, in der Erfahrungen gemacht werden, ist ausschlaggebend für die Interpretation bzw. die Bedeutung, die eine Erfahrung bekommt.

 

Ich – Position
die Welt aus einer eigenen inneren Realität heraus erleben und vollständig assoziiert sein.

 

Du – Position
ein Hineinassoziieren in die Erlebniswelt einer anderen Person, nachfühlen, nachvollziehen, aus deren Perspektive die Welt betrachten.

 

Wir – Position
ein Erweitern der ich-Position bzw. der du-Position durch das Verbinden unterschiedlicher Qualitäten, Werte und Visionen zum kreieren von Gemeinsamkeiten.

 

Meta – Position
von außen beobachten, ohne persönliche Beteiligung an der Situation.

 

Wahrnehmungspositionen anhand der Kreativitätsstrategie – Strategie In Teams und Gruppen kann man beobachten, daß Menschen unterschiedliche Haltungen einnehmen, z.B. in Bezug auf anstehende Projekte. Diese Haltungen lassen sich wie folgt kategorisieren:

 

  • zukunfts- und visionsorientiert = Träumer
  • pragmatisch und realitätsbezogen = Realist
  • kritisch und reflektiv = Kritiker

 

Realistisch und Kritisch zu sein, ist in unserer Gesellschaft gefragt, Träumer hingegen gelten schnell als Spinner.
Die Frage lautet:
Wie können diese 3 Aspekte gleichermaßen gewürdigt und genutzt werden als Teile in einem ganzheitlichen, kreativen Prozess?

 

Logische Ebenen
Auf welchen logischen Ebenen (nach Bateson/Dilts) wird kommuniziert ?

Alle hier vorgeschlagenen NLP – Struktur – Elemente sind hilfreich bei einer umfassenden Ist – Zustands – Analyse. Zu erkennen, daß das Nutzen unterschiedlicher Repräsentationssysteme, Wahrnehmungspositionen und logischer Ebenen eine Bereicherung für den Kommunikationsprozeß darstellt, bewirkt eine größere Flexibilität im Umgang der Menschen miteinander. So kann die Andersartigkeit eines Mitarbeiters oder Teamkollegen als Chance für den eigenen Lernprozeß verstanden werden.
Und diese Haltung ist schon recht konträr zu der häufig bestehenden Mentalität: „Wer anders ist, wird bekämpft.“

 

levels

 

Würdigung der Persönlichkeit und der individuellen Fähigkeiten

  • Die Effizienz in leistungsfähigen Organisationen und Systemen hängt wesentlich davon ab, daß jede Person im Team einen den eigenen Fähigkeiten entsprechenden Platz findet. Voraussetzung dafür ist die Würdigung der Einzigartigkeit jeder Person.
  • Jeder Mensch hat Zugang zu persönlichen Werten und persönlichen Erfahrungen, die im bisherigen Leben bereits vielfältige Lern- und Veränderungsprozesse ermöglicht haben. Wenn dieser persönliche Erfahrungsschatz, ein Potential an inneren Kraftquellen, in der Gegenwart zur Verfügung steht, Anerkennung vom innersten Selbst und gleichzeitig von anderen Personen erfährt, ist die Chance für persönliche und systemische Weiterentwicklung gegeben.Wer die eigenen Stärken kennt, ihnen vertraut und Anerkennung erfährt, ist auch bereit, die Stärken von Anderen zu würdigen.
  • Die Fähigkeit, stolz zu sein auf die eigenen Talente , geht Hand in Hand mit der Bereitschaft, durch Rückmeldung Anderer zu lernen und das eigene Repertoire zu erweitern.
  • Grundlegend ist die Erlaubnis, frei denken und neue Ideen entwickeln zu können. Das führt dazu, daß man die Möglichkeiten kreativer Handlung zu genießen weiß, sowohl individuell, als auch gemeinschaftlich. Ebenfalls elementar ist die Freiheit, Fragen stellen zu dürfen. Nur durch diese Offenheit werden Lernprozesse gefördert, und es entsteht eine Atmosphäre, in der es sich frei denken läßt.
  • Feedbacks unterstützen den Prozeß der Selbsteinschätzung und des persönlichen Lernens. Es hat sich als förderlich erwiesen, regelmäßige Feedbackrunden als festen Bestandteil der Gruppen-, Team- oder Unternehmensaktivitäten einzuplanen.
    In ritualisierter Weise geht es dabei um anerkennende, unterstützende und entwicklungsfördernde Rückmeldungen. Zudem sollte jedes Mitglied die Möglichkeit haben, von sich zu erzählen, während die anderen zuhören. Ziel ist es, eine Atmosphäre der Selbstachtung und der Kreativen Kooperation zu schaffen.

 

Fördern einer ressourcevollen Interaktion

 

  • Positive Einstellungen der Mitarbeiter und positive Interaktionen tragen zu einem positiven Arbeitsklima bei. Große wie kleine Veränderungen können sich wie Wellen fortpflanzen und in jeden Winkel und jede Seitenstraße hineinspülen.
  • Alle Menschen haben das Bedürfnis, geliebt und geschätzt zu werden, und brauchen das Gefühl, für die Gemeinschaft von Bedeutung zu sein.
  • In einer Lernenden Organisation hat das Geben und Nehmen zwischen der Einzigartigkeit des Individuums und der kollektiven Mentalität der Gruppe einen Synergieeffekt:
    Je mehr wir bereit sind, unsere persönlichen Fähigkeiten zum Erreichen eines gemeinsamen Ziels einzubringen, um so mehr sind wir in der Lage, aus dem Ganzen kraftvolle Impulse zu empfangen.
  • Der Bestätigungskreis (s. Feedbackrunden) ist ein machtvolles Ritual zur Verstärkung einer positiven Atmosphäre.
    Er schafft die Kommunikationsstruktur, die zur gegenseitigen Würdigung der Stärken und Talente erforderlich ist.
    Von Zeit zu Zeit ist es gut, persönliche Entwicklungsschritte zu feiern.
  • In einer Lernenden Organisation gibt es Angebote, die kinästhetisches Lernen unterstützen und fördern.
    Körpersprache ist ehrlicher und enthüllender als der Wortnebel, der vielfach versprüht wird. Deshalb ist das körperliche Darstellen von Personen und Beziehungsmustern ein wichtiges Instrument, um einerseits statische Repräsentationen von Beziehungen und andererseits das dynamische Ballett kontinuierlicher Interaktionen transparent zu machen.
  • Kinästhetisches Modellieren erhöht die Transparenz bei Botschaften auf der nonverbalen Ebene. Das Ziel ist eine kongruente Kommunikation im Sinne von „Walk what you talk“.
  • Gruppenprozesse sind für alle Mitglieder leichter verständlich und nachvollziehbar, wenn sie in einer umfassenden und überschaubaren Visualisierung dargestellt werden. Unterschiedliche Formen des Mind-Mappings unterstützen die Synergie der Gruppe, indem sie die Mitarbeiter aktiv am Lern- und Entwicklungsprozeß beteiligen.
  • Zu den Faktoren eines positiven Lernfeldes gehören: Flexibilität, Offenheit, Verbesserung der Beziehungsqualität, Erkennen der Möglichkeiten, Reflexion der vorhandenen Strukturen.
  • Lernen ist ein selbsterzeugender Prozeß mit unmittelbarem Nutzen für das ganze System. Integratives Lernen bedeutet unmittelbares Erleben im Ausprobieren neuer Methoden, im Finden und Korrigieren von Fehlern und im Erfinden verbesserter Arbeits- und Kommunikationsformen.
  • Grundlage für alles interaktive Handeln ist das Erkennen gemeinsamer Werte und Ziele.
  • Teams brauchen, um ihre eigene Dynamik entfalten zu können, kreative Freiräume für eigene Entdeckungen und Erfahrungen.
    Diese Form der Entwicklung hat sich als weitaus effektiver herausgestellt als die Orientierung an Vorgaben, die von außen bzw. von oben gemacht werden.
  • „Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile“: Systemische Veränderungen entstehen aus der Synergetisierung einzelner Begabungen und Entwicklungsmöglichkeiten zu einer organischen Struktur.
  • Das Training von Kommunikationsfähigkeiten gehört ebenso zu einer systemischen Entwicklung wie das Entwerfen von ganzheitlichen
    Problemlösungsstrategien.

  

Tradition und Veränderung

 

In vielen Unternehmen, Teams und Gruppen scheitert Strukturveränderung nicht an der fehlenden Bereitschaft der Mitarbeiter, sondern an der Skepsis und dem Widerstand des Managements bzw. der Leitung.
Als zu Beginn der 80er Jahre in Norditalien die Strukturen und Behandlungsmethoden einer veralteten Psychiatrie grundsätzlich verändert werden sollten, gab es viele Vertreter aus den Reihen der Ärzte und des Pflegepersonals, die Widerstand leisteten.

 

Nachfolgend seien 7 Gründe für
Widerstand genannt:

  • Angst vor zu großer Nähe zu Mitarbeitern und Klienten
  • Angst vor Autoritätsverlust
  • Angst, den Job zu verlieren oder ersetzt zu werden
  • Angst vor den Auswirkungen einer Veränderung
  • Angst, daß Veränderungen nur kurzfristig sind
  • Angst,beim Entwicklungsprozeß ausgeschlossen zu werden
  • Zynismus, der sagt: „Das haben wir alles schon mal gehabt“

 

Die Lösung liegt in einem ko-kreativen Miteinander anhand von gemeinsamen Zielen und einer fruchtbaren Risikobereitschaft, neue Erfahrungen zu machen und Neues zu lernen. In diesem Sinne sollte eine sinnvolle Unternehmenspolitik eine angemessene Risikobereitschaft fördern.

 

Nachfolgend einige Fragen, die beim Einschätzen der Risikobereitschaft helfen:

 

  • Welches ist die allgemeine Einstellung unter den Beschäftigten gegenüber dem Eingehen von Risiken?
  • Welche Bemühungen der Organisation zur Erhöhung der Risikobereitschaft haben sie beobachtet?
  • An wie viele Beispiele können sie sich erinnern, bei denen Risikobereitschaft entmutigt wurde?
  • Welche Kräfte in der Unternehmenskultur fördern das Eingehen von Risiken?
  • Welche Kräfte wollen es unterbinden?
  • Welches sind die drei besten Schritte, die die Organisation zur Förderung der Risikobereitschaft unternehmen könnte?

 

Angemessene Risikobereitschaft beinhaltet folgende Elemente:

 

  • Vertrauen Sie ihrer eigenen Brillanz, Einzigartigkeit und Ihrem inneren Potential.
  • Überwinden Sie die Angst, Fehler zu machen.
  • Erlauben Sie sich Offenheit und die Vision einer Welt jenseits des Statusquo.
  • Entwickeln Sie Ihre intuitiven Kräfte und Ihren kreativen Ideenfluß.
  • Setzen Sie sich Ziele, die realisierbar sind.
  • Erlauben Sie sich, die gewünschte Zielerfüllung mit allen Sinnen vor-zuerleben.
  • Stimmen Sie die Ziele mit Ihrer Umgebung und den Kollegen ab. Überprüfen Sie, ob die Ziele im Einklang mit Ihren und den gemeinsamen Werten sind.
  • Beziehen Sie bei ihrer Zielarbeit die Auswirkungen und möglichen Konsequenzen mit ein.
  • Erkunden Sie, welche einzelnen Schritte zur Zielverwirklichung sinnvoll sind.
  • Stellen Sie fest, was sie selbst zur Verwirklichung tun können, und in welcher Reihenfolge.
  • Holen Sie sich Feedback ein.
  • Überprüfen Sie noch einmal, ob in ihrem Prozeß visionäre, realistische und reflektive Elemente in einem ausgewogenen Zusammenspiel vorhanden sind.

 

Die Arbeit mit Zielen als Vorbereitung und kreative Gestaltungsmöglichkeit zukünftiger Ereignisse, ist jedoch nur ein Pol dessen, was wirkt.Der zweite Pol ist die bewußte Beschäftigung mit entwicklungsgeschichtlichen Aspekten.
Auf gesellschaftlicher Ebene ist es vonnöten, Bewußtheit über Vergangenes zu erlangen. Auf persönlicher Ebene ist es sinnvoll, die eigenen Wurzeln und die Entwicklungsstadien in der Vergangenheit zu kennen.
Auf der Ebene von Systemen (Teams, Gruppen, Unternehmen) braucht es in ähnlicher Weise Kenntnis über den Werdegang und die einzelnen Entwicklungsphasen.
Dies hilft bei einer realistischen Einschätzung des vorhandenen Potentials.

 

Wie Einstein schon wußte, sind Veränderung und Tradition 2 Teile einer lebendigen Ganzheit. Und vielleicht ist die Formel E=m*c2 eine Metapher für diese Ganzheit, wenn wir einmal unterstellen, daß „E“ für Entwicklung und Veränderung und „m“ für Stabilität und Tradition steht. Die Verbindung der beiden Qualitäten beinhaltet also ein zukunfts- und entwicklungsorientiertes Nach-vorne-Schauen und gleichzeitig die Fähigkeit, neben dem Analysieren und Verstehen der Fehler aus der Vergangenheit, das bereits erreichte zu würdigen und stolz darauf zu sein.

 

Die Welt ist eine Bühne – und alle Menschen sind Schauspieler

 

Wie bei einer gut gemachten Theateraufführung geht es darum, daß kompetente Leute ihre Arbeit gut machen.

 

Der Aufbau eines hervorragenden Unternehmens ähnelt dem Aufbau eines großartigen Bühnenstückes.

 

Um Arbeit in dem gleichen Geiste zu tun wie ein Schauspieler oder Künstler braucht es Begeisterung, Leidenschaft und ein Gefühl der Neuheit und Originalität.

 

Der Prozeß des Regieführens bedeutet, das Potential der Schauspieler zu erkennen und zu fördern.

 

Die alte Methode, das unternehmerische Drama zu managen, entsprach eher dem Lenken von Marionetten nach vorgegebenem Konzept. Das heutige Drama, in dem lebendige kreative Menschen ihre beste Rolle spielen und Freude am Miteinander haben, erfordert ausgeprägte Improvisationstalente. Ein Flow-Gefühl wird zur zweiten Natur.

 

Ganzheitliche Bildung

Ganzheitliche Bildung schafft Zukunft

 

Die Leistungen deutscher Schüler sind nach den Ergebnissen der Pisa – Studie im internationalen Vergleich weit unter dem Durchschnitt angesiedelt.

 

Dem Unterricht an deutschen Schulen, auf weiten Strecken gekennzeichnet durch eine theoretische und lebensfremde Ausrichtung, durch ein Anhäufen von Fachwissen, fehlt es an handlungs- und anwendungsorientierter Kompetenz.

 

Schon in Goethes Faust heißt es:
„Habe nun ach Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie durchaus studiert mit heißem Bemühen. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

 

Bildung im ganzheitlichen Sinne beinhaltet eine Vielzahl von Elementen:

  • Förderung von Wahrnehmungsfähigkeit
  • Förderung von Reflexionsvermögen und analytischen Fähigkeiten
  • Ausbildung individueller Stärken und Kompetenzen
  • Erziehung zu emotionaler Intelligenz
  • Unterstützung bei der Entwicklung von Identität und Persönlichkeit
  • Stärkung von Eigenverantwortung, Selbständigkeit und Souveränität
  • Stärkung von sozialer Verantwortung

Zur Umsetzung dieser Aspekte benötigen wir eine Neugestaltung des Lehrens und Lernens im Rahmen von ganzheitlichen Strukturen.
Methoden der Vermittlung von Bildung und der Bildungserwerb sind hier gleichermaßen von Bedeutung.

Als Grundlage hierfür sind im folgenden 5 Kernkompetenzen beschrieben:

   

Fähigkeit zur Reflektion und sinnvollen Bedeutungsgebung

 

Entscheidungs- und Handlungskompetenz

 

Kreativität und die Fähigkeit des Querdenkens

 

Soziale Kompetenz

 

Medienkompetenz

 

Fähigkeit zur Reflektion und sinnvollen Bedeutungsgebung

  • Die Verarbeitung und Bewertung von Erfahrungen und Informationen erfolgt auf der
    Basis des subjektiv Gelernten.
  • Informationen (und Erfahrungen) erhalten eine Bedeutung, wenn sie eine Entsprechung
    zu den persönlichen inneren „Landkarten der Realität“ haben und in diese integrierbar sind.Bei der Schulung von Denk- und Reflektionsfähigkeit ist es wichtig, dass die Wertschätzung und der Respekt vor allem Lebendigen zugrunde gelegt ist.Die Vermittlung von Informationen ist um so effektiver, je mehr es gelingt, einen Realitätsbezug herzustellen, bzw. eine Anbindung an subjektive Erfahrungskontexte zu gewährleisten.Es ist eine hohe Kunst, komplexe Strukturen wahrzunehmen und aus der Vielzahl von Informationen, die in unserer Mediengesellschaft angeboten werden, diejenigen herauszufiltern, die für die persönliche Entwicklung und Lebensgestaltung von Nutzen sind und gleichzeitig im Einklang mit den sozialen und systemischen Gegebenheiten stehen.

 

Entscheidungs- und Handlungskompetenz

  • Entscheidungen orientieren sich an den gesteckten Zielen.
  • Das Erforschen der eigenen Bedürfnisse und das Experimentieren mit Wahlmöglichkeiten schafft Selbstvertrauen und die Motivation, realistische und realisierbare Ziele anzustreben und zu erreichen.
  • Die Fähigkeit, den gegenwärtigen Standpunkt realistisch einzuschätzen und Schritte in die gewünschte Richtung zu gehen, bildet einen wichtigen Baustein für die Entwicklung der Persönlichkeit.
  • Transparente und ehrliche Kommunikation ist der Motor, um Ziele in die Tat umzusetzen.
  • Jede Entscheidung und jedes Tun hat Auswirkungen (auf die Person selbst und auf Andere).
  • Entscheidungen in „Entweder – Oder“ – Kategorien sind nur manchmal hilfreich.
    Oft eröffnen sie ausweglos erscheinende Dilemmata und haben den Verlust relevanter Werte zur Folge.Bei der Schulung von Entscheidungs- und Handlungskompetenz ist die Erziehung zur Verantwortlichkeit von großer Bedeutung.Entscheidungen und die daraus resultierenden Handlungen sind auf ihre innerpersonelle, soziale und ökologische Verträglichkeit hin zu überprüfen.Verantwortung für sich selbst und Andere zu tragen, heißt auch, die möglichen Auswirkungen des eigenen Tuns zu reflektieren
    und gegebenenfalls Entscheidungen zu revidieren.

Strukturelle Grundlage für Entscheidungsprozesse können sein:

  • Entweder – Oder – Kategorien
  • Sowohl – Als – Auch Kategorien
    (das Nutzen durchaus gegensätzlich erscheinender Positionen durch Adaption der zugrunde liegenden Werte)
  • Kompromissbereitschaft

Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse lassen sich strategisch wie folgt skizzieren:

  • Klärung von Bedürfnissen
  • Sammeln von Informationen
  • Entwicklung von Ideen, Zielsetzung
  • Überprüfung auf Verträglichkeit
  • Erforschung von Realisierungsmöglichkeiten und Alternativen
  • Planung und Organisation
  • Durchführung

Bildungsträger haben hier eine verantwortungsvolle Aufgabe:

sie können die Jugendlichen dazu motivieren

  • sich für Themen (und Menschen) zu begeistern
  • ihre Ziele zu erreichen
  • Kritik als Anregung zu verstehen

Bildungsangebote sollten so beschaffen sein, dass sie das Selbstbewusstsein fördern und dadurch eine lebendige Motivationsgrundlage bilden.

 

Kreativität und die Fähigkeit des Querdenkens

Die Themen unserer Gesellschaft sind durch ihre Vielseitigkeit und Vernetztheit von komplexer Beschaffenheit.
Grosse Herausforderungen, ganz gleich ob persönlicher oder globaler Art, fordern geradezu kreative Lösungen heraus.

 

Persönliche Herausforderungen:

  • Zukunftsperspektiven und Gestaltungsmöglichkeiten
  • Liebe, Partnerschaft, Sexualität
  • Beziehung zwischen Eltern und Kindern

 Globale Herausforderungen:

  • Umweltschutz, Wirtschaftliche Entwicklung
  • Wertewandel
  • Konflikte zwischen Kulturen und Religionen, Kriege

Schulen sind ein besonderes Übungsfeld im Umgang mit diesen Themen.
Hier (und natürlich auch im Elternhaus) werden frühzeitig die Weichen gestellt für einen rigiden, engstirnigen oder einen kreativ – lösungsbezogenen Umgang.

Kreativität ist in diesem Zusammenhang als Problem – Lösungs – Kompetenz zu sehen, die folgende Komponenten beinhaltet:

  • sozial verträgliche Ideen zu entwickeln, die durchaus von herkömmlichen Denkschemata abweichen (Querdenken).
  • Neuentwicklungen als im Prozess befindlich zu verstehen.
  • Die Bereitschaft, vorhandenes Wissen zu nutzen, und es mit Hilfe aller 5 Sinne interaktiv einzusetzen.

Die Bildungsträger (Schulen und andere) benötigen kreative Lehrer, die in der Lage sind, die Kreativität bei Kindern und Jugendlichen zu fördern.

Erziehung zur Kreativität bedeutet auch Ermutigung

  • zu lebendigen Kontakten
  • zum Querdenken
  • rigide Beschränkungen aufzulösen
  • Fehler machen zu dürfen
  • zur Toleranz und Akzeptanz anderer Menschen und Ideen
  • bereits vorhandene Informationen neu zu verknüpfen und das daraus
    Entstehende auszuprobieren

 

Soziale Kompetenz

 

Soziale Kompetenz ist eine entscheidende Qualifikation für die Gestaltung der Zukunft.

Zur sinnvollen Bearbeitung vieler Themenstellungen der Gegenwart und Zukunft ist die konstruktive Zusammenarbeit in Teams, Projektgruppen und größeren sozialen Netzen unerlässlich.

Die Fähigkeit, mit anderen Menschen konstruktiv zu kooperieren ist eine Schlüsselqualifikation moderner Bildung.

Voraussetzung zur Entwicklung sozialer Kompetenz ist eine realistische Selbsteinschätzung:

  • das Wahrnehmen der eigenen Stärken
  • das Bewusstmachen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse
  • das Abgleichen der Aspekte der Selbstwahrnehmung mit denen der Fremdwahrnehmung

Selbstüberschätzung, Ellenbogenverhalten, Mobbing, rigides Festhalten am Alten, sind deutliche Zeichen für soziale Inkompetenz.

Soziale Kompetenz beinhaltet ein großes Spektrum von Qualitäten

  • Einfühlungsvermögen, Bewusstsein über die Wirkung von Sprache
  • Kontaktbereitschaft und Aufbau von Beziehungen
  • Eigenes Denken und eigene Bedürfnisse transparent machen
  • Offener, ehrlicher und fairer Umgang mit sich selbst und Anderen
  • Rückmeldungen für sich selbst und Andere
  • Kooperationsbereitschaft, Koordination von Interessen
  • Konflikt – Lösungs – Bereitschaft, Kompromissfähigkeit
  • Die Fähigkeit, sich Unterstützung zu holen
  • Bereitschaft, den eigenen Standpunkt zu erweitern
  • Bereitschaft, neue Erkenntnisse zu erlangen
  • Toleranz gegenüber anderen Menschen, Denkansätzen, Kulturen usw. und die ernsthafte Auseinandersetzung damit
  • Auseinandersetzung mit Vorurteilen und alltäglichen Konflikten in einer kulturell und religiös heterogenen Gesellschaft

 

Medienkompetenz

 

In unserer heutigen Mediengesellschaft, die uns tagtäglich mit einer Flut von Informationen überschwemmt, ist eine kluge Beschränkung, eine Auswahl von nützlichen und zieldienlichen Informationen von elementarer Bedeutung.

Moderne Bildungskonzepte zeichnen sich durch eine Flexibilität im Umgang mit gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und globalen Themen aus.

Eine kompetenter Umgang mit medialen Angeboten bedeutet auch die Fähigkeit,

  • das Wesentliche herauszufiltern
  • durch eigenverantwortliches Tun Schwerpunkte zu setzen.

Ganzheitliche Bildung unterstützt und fördert Lernende dabei, aus der Vielzahl von Konsum- und Informationsangeboten bewusst die Aspekte auszuwählen, die für einen kreativen Lernprozess von Nutzen sind. Das Motto einer medienkompetenten Bildung könnte lauten:
Aktiv – reflektive Recherche statt passiver Konsum
Damit Jugendliche die Möglichkeiten haben, die oben genannten Kernkompetenzen zu erlernen und zu erleben, muss das schulische Bildungskonzept dringend und radikal reformiert werden.

Aber auch außerschulische Bildungsangebote müssen die Weichen in Richtung „Ganzheitliche Bildung“ stellen, damit Heranwachsende in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden, und sich selbstbewusst und eigenverantwortlich eine Zukunftsperspektive eröffnen können.

Die Kraft der Vision

Die Kraft der Vision

 

Ein altes indianisches Sprichwort lautet:

 

Ein Mensch beginnt erst vollständig zu sein, wenn er seine Vision empfangen hat.

 

In Erfüllung der Vision des „Großen Geistes“ war der Mensch aus körperlicher und unkörperlicher Substanz erschaffen worden.
Er war im abstrakten metaphysischen Sinn ein zusammengesetztes Wesen.
Um dem Charakter eines geistigen Wesens gerecht zu werden, mußten Menschen Visionen suchen und ihre Visionen ausleben, auch wenn das eine grundlegende Veränderung des Lebenskonzeptes bedeutete. Vision wurde zum zentralen Motiv des Lebens; sie war die Kraft, die energetisch vorantreiben und den Charakter des Menschen verändern konnte.
Und sie war Ausdruck jener Fähigkeit des Menschen, die ihn von allen anderen Lebewesen unterschied: der Fähigkeit zu träumen.

 

In unserer modernen Zeit ist die persönliche Beschäftigung mit der Zukunft für die meisten Menschen von ambivalenter Natur. Es gibt besorgniserregende, allerdings dem Zeitgeist entsprechende Tendenzen. Zwei davon möchte ich nachfolgend fokussieren:

 

Auf der einen Seite gibt es massive Zukunftsängste, die sich in den bekannten
Erscheinungsformen zeigen:

 

  • Angst vor Arbeitslosigkeit
  • Angst vor Krankheit
  • Angst vor Status- und Prestigeverlust
  • Angst vor dem Tod
  • und vieles mehr

 

Diese Ängste zeigen sich im Außen und im Innen.
Wie viele Menschen sind es, die therapeutische Hilfe und Unterstützung in Anspruch nehmen, weil sie mit den inneren Bildern und Phantasien darüber, was Schlimmes passieren könnte im privaten und beruflichen Leben, und natürlich den dazugehörigen Gefühlen, nicht mehr zu Rande kommen?
Und ist es nicht auch eine Art Vision – in diesem Falle eine negative Variante – , wenn die inneren negativen Bilder vom Selbst und der Welt ein Äquivalent im Denken, Fühlen und Handeln finden.
Wir leben in einer Zeit, in der die unterschiedlichsten Ängste kompensiert werden durch den Versuch, sich nach außen hin abzusichern.
Absicherungen jeglicher Art boomen wie nie zuvor; Versicherungen, die uns vorgaukeln, Verantwortung für alle Eventualitäten des Lebens übernehmen zu können und so für ein menschliches Sicherheitsbedürfnis die Garantie zu übernehmen.
Oftmals sind es ja auch existentiell bedrohliche Situationen, die im Verlauf der damit verbundenen Lernprozesse auf schmerzhafte Weise deutlich machen, daß ein Delegieren von Verantwortung bezüglich der eigenen Lebensthemen ein Trugschluß ist.

 

Auf der anderen Seite wird in unserer Kultur eine positivistische Schöngläubigkeit erzeugt, unterstützt durch fleißig werbende Medien, die dazu einlädt, sich in mehr oder weniger realistischen Wunschträumereien zu ergießen.
Genährt von dem Wissen, daß innere Bilder nach Realisierung und Materialisierung drängen, werden künstliche innere Welten geschaffen, die manchmal von dem individuellen Wesen eines Menschen meilenweit entfernt sind.
Und je mehr Energie für Möchte-Gern-Phantasien aufgebracht wird, um so härter kann hinterher die Konfrontation mit der äußeren Wirklichkeit sein.
Genauso desillusionierend wird wahrscheinlich auch die Konfrontation mit dem eigenen Seelenkern sein. Und die Konsequenz, die daraus gezogen wird, bedeutet häufig,sich das Träumen zu verbieten. Wie sagt ja schon der Volksmund: Träume sind Schäume und – Träumer sind Schaumschläger.

 

Visionsarbeit in einem ökologisch vertretbaren Rahmen hat nichts zu tun mit Schönfärberei.
Es geht vielmehr um einen tiefgreifenden Prozeß der Selbsterkenntnis, um Achtsamkeit und Empfangsbereitschaft für die Botschaften der Seele.
Eine positiv wirksame Vision gewährt Einsicht in die Beschaffenheit des innersten Seins.

 

 

vision
Wie kann es nun möglich sein, Visionsarbeit in einen therapeutischen Kontext sinnvoll zu integrieren? Um einen Überblick zu geben, welchen Stellenwert Visionsarbeit haben kann, möchte ich gerne die NEUROLOGISCHEN EBENEN nach Gregory Bateson und Robert Dilts zur Verdeutlichung heranziehen:

 

Die Logischen Ebenen

 

 

levels
Betrachten wir uns dieses Übersichtsmodell für menschliche Lernprozesse unter dem Aspekt von Visionsarbeit, so können wir feststellen, daß positive Visionen im Sinne von kraftvollen Leitideen zur Gestaltung der eigenen Zukunft die beiden höchsten logischen Ebenen ZUGEHÖRIGKEIT und IDENTITÄT miteinander verbinden.

 

Es ist sogar so, daß Informationen aus beiden Ebenen in der metaphorischen und symbolischen Gestalt der Vision miteinander verschmelzen. Sowohl die individuellen Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und Erfüllung, als auch die sozialen Bedürfnisse nach gegenseitiger Achtung, Austausch und dem Gefühl des Zugehörigseins sind integriert.

 

In diesem Zusammenhang meint Vision ein visuelles Konzept zur Entfaltung der Persönlichkeit im Einklang mit den sozialen und systemischen Gegebenheiten.

 

Es macht also wenig Sinn, wenn ein Mensch eine Vision entwirft, die seine egoistischen Ziele, aber keinerlei soziale „Verträglichkeitsüberprüfung“ beinhaltet.In sofern spreche ich gerne von ökologisch und systemisch vertretbaren Visionen.

 

Sinnvolle und ökologisch vertretbare Visionen verdeutlichen und beinhalten in bildhafter Form, die höchsten WERTE eines Menschen; d.h. all das, was einem Menschen wichtig ist im Leben, ist in komprimierter Version enthalten.

 

Sinnvolle Visionen, genährt aus der Stärke von Identität und Zugehörigkeit, schaffen positive ÜBERZEUGUNGEN über sich selbst und die Welt und helfen, limitierende Überzeugungen ressourcevoll zu bearbeiten und Lösungen zu realisieren.

 

Innere Stärke bedeutet auch die Wahrnehmung und das Erleben der eigenen Kompetenz.
Der Zugang zu inneren Potentialen eröffnet eine Palette von Wahlmöglichkeiten zur Verwirklichung der vorhandenen FÄHIGKEITEN.

 

Visionsinspirierte Menschen tun das für sie selbst und für ihre UMGEBUNG „Richtige“.
Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten werden genutzt im Sinne einer kongruent fließenden Kommunikation mit sich selbst und anderen (VERHALTEN)

 

Der Mensch entfaltet sein Selbst dadurch, daß er es zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Natur in Beziehung setzt. Visionen als Wegweiser für Persönlichkeitsentwicklung bieten eine wichtige Grundlage für Veränderungsarbeit.
Denn was nutzt es, Konflikte jedweder Art zu bearbeiten, wenn eine positive Perspektive und die Sinngebung einer Lösung fehlt.Allerdings braucht es eine grundlegende Bereitschaft der Öffnung und Akzeptanz dessen, was das Unbewußte in Form einer umfassenden Metaphorik und Symbolik mitteilt.

 

Du brauchst Vertrauen in deine Kraft, um deine Vision zu entdecken und sie anzunehmen.
Und du brauchst Achtsamkeit, um zu deiner Kraft kommen.
Und die Vision wird deine Achtsamkeit und deine Kraft vergrößern.

 

Kitche Manitu (Der Große Geist) hatte eine Vision. In diesem Traum sah er einen weiten, mit Sternen, Sonne, Mond und Erde gefüllten Himmel. Er sah eine Erde aus Bergen und Tälern, Inseln und Seen, weiten Flächen und Wäldern.
Er sah Bäume und Blumen, Gräser und Früchte. Er sah laufende, fliegende, schwimmende und kriechende Wesen. Er wurde Zeuge der Geburt, des Wachstums und des Todes der Dinge. Zugleich sah er anderes weiterleben.
Mitten im Wandel gab es Bleibendes. Kitche Manitu hörte Gesänge, Klagen,
Geschichten. Er berührte Wind und Regen. Er fühlte Liebe und Haß, Angst und Mut, Freude und Traurigkeit.
Kitche Manitu meditierte, um diese Vision zu verstehen.
Aus “ Mythen und Visionen der Ojibwa“ von Basil Johnston

Ausbalancieren von Persönlichkeitsanteilen

Ausbalancieren von Persönlichkeitsanteilen

 

Die Disney-Strategie ist eine Variation von Zielbestimmung.
Sie benutzt die Persönlichkeitsanteile des Träumers, Machers und Kritikers in der benannten Reihenfolge. Ausgehend von einer Vision dessen, was der Klient erreichen will, werden realistische und realisierbare Schritte erkundet, um die Vision umzusetzen.
Aus einer beobachtend reflektiven Position heraus wird dann erforscht:

Was ist gut an den bisherigen Schritten ?
Was fehlt noch ?
Was kann ich verbessern ?

Die neuen Zusatzinformationen werden dann in den Traum, die Vision integriert.
Der Traum verändert sich dadurch und wird realistischer.

Die strategische Abfolge sieht wie folgt aus:

 

Abfolge
In einem hypnotischen Prozess wird die Abfolge Träumer / Realist / Kritiker anhand eines positiv formulierten Ziels vertieft. Die Wahrnehmungsbausteine verschmelzen miteinander und werden Teil des intuitiven Wissens.

————————————————————————————————–

 

Für eine erfolgreiche Durchführung der skizzierten Sequenz sollten allerdings 2 wichtige Voraussetzungen erfüllt sein:

  • die Bereitschaft der Persönlichkeitsanteile, miteinander zu kooperieren
  • die Ausgewogenheit des Kräfteverhältnisses der Teile

 

Und genau da liegt meist eine große Schwierigkeit.
Bei vielen Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, liegt weder eine authentische Kooperationsbereitschaft, noch eine kräftemäßige Ausgewogenheit der Persönlichkeitsanteile vor.

 

Häufig habe ich erlebt, dass die Kritiker-Instanz eine ganz andere Bedeutung hat als die, die im Disney-Strategie-Setting Voraussetzung ist.

 

Der innere Kritiker wird oft assoziiert mit einem Elternteil und wird gleichgesetzt mit einer internalisierten Autorität.

 

Diese Instanz nutzt vorwiegend Du-Botschaften und enthält Wertehaltungen, Glaubenssysteme und Zuschreibungen von wichtigen Bezugspersonen.

 

Viele Klienten haben von ihren Bezugspersonen eher Negatives über sich oder die Welt gehört.
Sie beschreiben dann innere Dialoge, in denen sie sich verunsichern oder abwerten bzw. in unadäquater Weise mit sich selbst sprechen.

 

In-Frage-stellen oder boykottieren von Zielsetzungen sind da noch eher harmlose Varianten.
Im schlimmsten Falle treten hier massiv einschränkende Überzeugungen und heftige Angriffe auf der Identitäts- und Zugehörigkeitsebene auf.

 

Was nutzt uns nun diese doch eher ernüchternde Sichtweise ?

 

In erster Linie geht es darum, dem, was beim Klienten ist, gerecht zu werden, ihn da abzuholen, wo er ist, und die Themen, die anstehen, zu bearbeiten.
In zweiter Linie geht es darum, eine Kritiker-Instanz zu ermöglichen, die wohlwollend unterstützend und positiv beratend wirken kann, was wiederum eine wichtige Voraussetzung zur Durchführung der Disney-Strategie ist.

 

Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine wohlwollende Berater-Instanz eher einem Erwachsenen-Ich entspricht, während die verurteilende Kritiker-Instanz oft aus der Position des Kindes wahrgenommen wird, das sich der verurteilenden Autorität eines Elternteils gegenüber sieht.

 

Mit anderen Worten: wenn eine negative innere Kritik aktiv wird, so liegt meistens eine spontane Regression des Klienten zugrunde.

 

Über diesen Gedankengang sind wir nun beim Eltern – Kind – Verhältnis angekommen.

 

 

Die Grundstruktur der Familie ist die Triade, also Mann, Frau und Kind.Wenn wir mit einem Familiensystem arbeiten, ist der Fokus der Aufmerksamkeit darauf gerichtet,

  • wie die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander beschaffen sind,
  • welche Konflikte es gibt,
  • ob Allianzen oder Koalitionen vorhanden sind.

Als Allianz wird eine enge Beziehung bezeichnet.
Als Koalition wird ein (meist geheimes) Bündnis zweier gegen einen Dritten bezeichnet.
Verdeckte oder offene Konflikte werden in Koalitionen oft umgeleitet, so dass das Kind in die elterliche
Auseinandersetzung mit einbezogen ist.
Dann spricht man von Triangulation.

Es ist anzunehmen, dass Erwachsene die Beziehungsmuster in ihren Familien wiederholen, die sie als Kinder in
Beziehung zu ihren Eltern gelernt haben.

 

Verinnerlichte Elternfiguren und Beziehungsmuster tragen maßgeblich zur Gestaltung der inneren Landkarten für „Beziehung“ bei.

 

Sie finden ihren sinnesspezifischen Ausdruck in visuellen, kinästhetischen und auditiven Wahrnehmungsbausteinen.

 

Die Triade von Träumer, Realist und Kritiker ist mit ihren Sinnespräferenzen (visuell, kinästhetisch und auditiv, in dieser Reihenfolge) eine Grundtriade der Wahrnehmung.

 

Die Frage ist: Wie sind die Entsprechungen zwischen der Disney – Triade und einer Familientriade ?

 

Im vorangegangenen Text wurde schon angedeutet, dass die Kritiker-Position meistens mit einem Elternteil assoziiert wird.

 

Die Träumer – Position ist oftmals mit dem Kind – Ich, der Realistenanteil mit dem zweiten Elternteil assoziiert.

 

Ein erster wichtiger Schritt in der Arbeit mit diesen Persönlichkeitsanteilen ist immer zuerst eine Ausbalancierung der Teile, bzw. der Introjekte, mit dem Ziel einer guten Zusammenarbeit.

 

Dafür braucht es eine sorgfältige Analyse der gegenwärtigen Situation und dann ein Verhandlungs – und Klärungsprozess zwischen den Anteilen.

 

Beispiel:

Ein Teilnehmer legt für die Disney – Positionen Gegenstände als Anker im Raum aus.
Er wird gebeten, genau nachzuspüren, wie diese Anteile miteinander in Beziehung stehen und das durch die Anordnung der Raumanker zu verdeutlichen.

 

Er legt folgendes Bild:

 

TMK1
Der Teilnehmer (TN) schaut sich die Konstellation aus der Meta – Position heraus an und spricht über Nähe und Distanz zwischen den Teilen. Auf die Frage , wie in diesem System Dominanz, Größe, Macht aufgeteilt sind, formuliert der TN das Machtverhältnis wie folgt:

 

T 10 %
M 20 %
K 70 %

 

Um auf der Beziehungsebene noch mehr Informationen zu bekommen, wird der TN eingeladen, Personen aus der Gruppe auszuwählen und den entsprechenden Positionen zuzuordnen.
Der TN wählt für den Träumer-Anteil einen jungen Mann, für den Macher-Anteil eine Frau und für den Kritiker-Anteil einen zweiten Mann aus. Nun werden die Machtverhältnisse dargestellt:

 

Der T – Stellvertreter sitzt,
die M – Stellvertreterin sitzt etwas höher,
der K – Stellvertreter steht erhöht.

 

Die Blickrichtung der 3 Anteile ist wie folgt:
TMK2
Der TN erhält die Aufgabe, für jeden Stellvertreter einen charakteristischen Satz zu formulieren.

 

Die Stellvertreter wiederholen ihre Sätze und werden gefragt, wie es ihnen geht:

 

T: Ich kann mir alles mögliche vorstellen, aber ich fühle mich klein und alleine.
M: Ich mache viel, fühle mich oft hilflos und überfordert.
K: Ich trage die Verantwortung, muss alles unter Kontrolle haben. Das ist alles sehr anstrengend.

 

Die Stellvertreter werden eingeladen, aus dem Gefühl in der Position heraus weitere Sätze zu formulieren und ins Gespräch mit den anderen Anteilen zu kommen.

 

Der TN äußert aus der Beobachter – Position heraus, dass ihn diese Gespräche sehr an seine Herkunftsfamilie erinnern, dass da die gleichen Interaktionsmuster ablaufen. Was die Rollen betrifft, so sieht TN in

 

  • T sich selbst als Kind,
  • M seine Mutter,
  • K seinen Vater.

 

Es wird deutlich, dass der Sohn in Allianz mit der Mutter ist, die Mutter ihrerseits in ihrer Hilflosigkeit auf den Vater ausgerichtet ist, dem wiederum alles zuviel ist, der aber dem Zwang unterliegt, alles unter Kontrolle haben zu müssen.

 

Die Beziehung zwischen M und K zeichnet sich aus durch große Enttäuschungen auf der Seite von M und durch die zwanghaften Versuche von K, alles im Griff zu haben.
T ist derjenige, der von M nicht das bekommt, was er braucht, weil M ja in ihrer Enttäuschung auf K fixiert ist. K seinerseits ist sehr streng und strafend.

 

Die Stellvertreter werden nun eingeladen, ihre Wünsche zu äußern, und zu formulieren, was ihnen am meisten fehlt.

 

Im Rollenspiel ist deutlich geworden, dass es unausgesprochene Konflikte zwischen M und K bzgl. Ihres Ehelebens gibt.

 

In Folge dessen wünscht sich K Entlastung durch M.
Er sagt: Ich kann es nicht alleine schaffen. Es ist zuviel für mich. Es wäre schön, wenn du mir hilfst.
M wünscht sich mehr Nähe und liebevolle Beachtung von K.
T wünscht sich mehr Beachtung und wohlwollende Unterstützung.
Nachdem die Stellvertreter ihre Wünsche geäußert haben, ist eine deutliche Erleichterung bei allen festzustellen.
Auch hat sich die Position der 3 Rollenspieler verändert. Die vormals große Distanz zwischen M und K ist aufgehoben.
Es hat eine Annäherung stattgefunden. Auch T hat jetzt einen Platz gefunden, an dem er sich mehr beachtet fühlt. Die Initiative für eine Balance in der Beziehungsstruktur ist ergriffen.

 

Die neue Konstellation zeigt sich wie folgt:
TMK3

 

 

Der TN wird nun eingeladen, in die Position von T zu assoziieren und sich zu erlauben, die neuen Gefühle zu erleben. Die Machtverhältnisse haben sich wie folgt geändert:

 

T 30 %
M 35 %
K 35 %

 

Dann werden die Stellvertreter aus ihren Rollen entlassen.
Der TN wird eingeladen, das Bild der Kooperation und des offenen konstruktiven Gespräches, sowie die erlebten Gefühle mitzunehmen.
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Im Grunde ist dieser Prozess ein Re-Imprinting im Rahmen einer Aufstellung der Grundtriade der Herkunftsfamilie.

 

Durch diese Neuprägung wird auf positive Weise Einfluss genommen auf die verinnerlichten Beziehungsmuster aus der Herkunftsfamilie.

 

Die inneren Persönlichkeitsanteile können auf neue Weise miteinander kommunizieren und kooperieren. Das braucht Übung. Und dafür ist die Disney – Strategie gut geeignet.
Dort gibt es dann eine Kritiker – Instanz, die mehr die Aufgabe eines aufmerksamen, reflektierenden und unterstützenden Beraters hat.

Lösungsorientierte Therapie

Lösungsorientierte Therapie

 

Die lösungsorientierte Therapie basiert auf der Arbeit von Milton Erickson.
Steve de Shazer war Anfang der 70er Jahre Professor für Soziologie. Über Haley (Strategien der Psychotherapie) kam er zu Erickson, der bis zu diesem Zeitpunkt 700 Therapiefälle beschrieben hatte und Wert darauf legte, keine Theorie für seine Arbeit zu haben.
Steve begann mit Zustimmung seiner Vorgesetzten, die Essenz von Ericksons Arbeit herauszukristallisieren. Dabei versuchte er, seine soziologische Theorie anzuwenden. Es funktionierte nicht. Steve gab auf und stellte sich seiner Verwirrung.
Er begann mit Klienten zu arbeiten und stieg aus dem Lehrbetrieb aus. Er kopierte Ericksons Arbeitsstil, um auf diese Weise Interventionsmuster bewusst zu machen und gleichzeitig zu strukturieren.

 

Die ersten Erkenntnisse:

 

  • Der Therapeut akzeptiert die Person des Klienten und nutzt das Problemerleben für eine Lösung (Utilisation).
  • Der Therapeut erkundet, wie er das Symptom nützlich machen kann.
  • Der Therapeut hilft dem Klienten dabei, die eigene Kompetenz zu trainieren.

 

Steve traf John Weekland, Paul Watzlawik u.a., die das Mental Research Institute gegründet hatten, und die ebenfalls dabei waren, auf der Basis von Ericksons Arbeit Modelle der Kurzzeittherapie zu entwickeln.
Eine wichtige Gemeinsamkeit in der Analyse von Fällen in den 70er Jahren war die Erkenntnis, dass Klienten nicht die ganze Zeit Probleme hatten, sondern dass das Problemerleben, wenn es assoziiert erlebt wurde, oft verallgemeinert wurde, so als würde es immer schon bestehen. Also lernten die Forscher nach Ausnahmen zu schauen.

 

Mitte der 70er Jahre wurde das BFTC (Brief Family Therapie Center) von Steve de Shazer in Milwaukee gegründet.
Die Lösungsfokussierung in der Therapie rückte stärker in den Mittelpunkt der Forschung.
Es wurden Konzepte und Computerprogramme zur Lösungsfindung erarbeitet.
Die täglichen Erfahrungen in der Lösungserarbeitung legten den Schluss nahe, dass bestimmte Interventionen und Hausaufgaben übertragbar sind, unabhängig von den Symptomen und Themen der Klienten.

 

Daraus entwickelte sich die folgende Standardaufgabe, die nach der ersten Sitzung gestellt wurde:

 

Bis zur nächsten Sitzung beobachten Sie bitte und beschreiben uns dann,
was in Ihrer Familie so abläuft, dass Sie der Meinung sind, es soll so bleiben.

 

Häufig haben Klienten in der 2. Sitzung berichtet, dass etwas passiert ist, was deutlich anders war (als die vorgebrachte Beschwerde). So wurde diese Standardaufgabe ein nützliches Hilfsmittel, die Tür zu Veränderungen und Lösungen zu öffnen.

 

Um den Zugang zum Klienten zu verbessern und um zu erkunden, was der Klient wünscht und was seine Ziele sind, wurde die Wunderfrage entwickelt.

 

Angenommen, es würde in der kommenden Nacht, während Sie schlafen,
ein Wunder geschehen und Ihr Problem wäre gelöst.
Wie würden Sie das am nächsten Morgen merken ? Was wäre anders ?
Woran würde Ihr Mann/Ihre Frau merken, dass ein Wunder geschehen ist,
ohne dass Sie ein Wort darüber gesagt haben ?

 

Die Wunderfrage verhilft dem Therapeuten sowie dem Klienten zu einem möglichst klaren Bild, wie eine Lösung aussehen könnte.
Zudem kann diese Beschreibung einer beschwerdefreien Zukunft dazu beitragen, die Ausnahme als auffällig einzuschätzen. Im BFTC wird Ausnahme definiert als alles, was passiert, wenn die Beschwerde nicht vorhanden ist.

 

Von der ersten Sitzung an geht es also darum, eine Lösung zu erarbeiten, indem die Suche nach Ausnahmen initiiert wird. Das ist ein wesentlicher Punkt in der Lösungstheorie.
Ganz gleich, wie viel der Klient über sein Problem (Beschwerde) erzählt, das Gespräch wird immer wieder auf die beschwerdefreie Zeit gelenkt. Wichtig ist es, zu erkunden, ob der Klient weiß, wie er die Verhaltensweisen aufrechterhalten kann, die die Ausnahme ausmachen.
Dann schaltet der Therapeut um auf die gemeinsame Erarbeitung der Beschreibung einer Zukunftsvision, in der die Beschwerde verschwunden ist (Wunderfrage).

 

Der Therapeut ist sich darüber bewusst, dass sich die Probleme im Territorium des Klienten ereignen, und dass er sich ausschließlich mit seiner Konstruktion dessen, wie der Klient seine persönliche Realität konstruiert, befasst.
Er hat lediglich mit den Landkarten des Gebiets zu tun.
Das therapeutische Interview ist also ein gemeinsamer Gestaltungsprozess.
Klient und Therapeut sind Ko – Autoren einer gemeinsamen therapeutischen Realität.

 

Allgemeine Richtlinien der lösungsorientierten Therapie: 

 

  • Stelle fest, welche Dinge der Klient tut, die gut, nützlich und wirksam sind.
  • Stelle den Unterschied fest zwischen dem, was geschieht, wenn eine Ausnahme vorkommt und dem, was geschieht,
    wenn die Beschwerde auftritt. Fördere das erstere.
  • Wenn möglich, lasse Dir jede Ausnahme Schritt für Schritt beschreiben.
    Finde heraus, was funktioniert, bzw. finde heraus, was funktioniert hat bzw. finde heraus, was funktionieren könnte;
    dann verschreibe das Leichteste.
    Sind Aspekte der Ausnahme (oder der Beschwerde) irgendwie zufällig,
    dann bau etwas Willkürliches oder einen Zufallsfaktor in die Aufgabe ein.
  • Wenn nötig, lass Dir die Beschwerde Schritt für Schritt beschreiben.
  • Stelle Unterschiede zwischen hypothetischen Lösungen und der Beschwerde fest.
  • Stelle Dir eine Lösungsversion vor, indem du
    – Ausnahmen zur Regel machst,
    – den Ort des Beschwerdemusters veränderst,
    – in der Zusammensetzung der am Beschwerdemuster Beteiligten eine Änderung bewirkst,
    – die Reihenfolge der beteiligten Schritte veränderst,
    – dem Beschwerdemuster ein neues Element oder einen neuen Schritt hinzufügst,
    – die Dauer des Musters verlängerst
    – zufälliges Anfangen und Beenden einführst,
    – die Häufigkeit des Musters erhöhst,
    – die Modalität des problematischen Verhaltens änderst.
  • Entscheide, was für den Klagenden / Kunden passt, d.h. welche Aufgabe, basierend auf welcher Variablen einem bestimmten Klienten vernünftig erscheinen wird.
    Welche wird der Klagende am ehesten akzeptieren ?
    Welche wird der Kunde am ehesten ausführen ?

 

Bei diesen Richtlinien wird deutlich, dass es hier in keiner Weise um die Erforschung der Ursachen eines Problems geht.
Die Systematisierung der therapeutischen Fälle im BFTC hat gezeigt, dass die Beschwerde des Klienten fast immer den Wunsch beinhaltet, von etwas befreit zu werden, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie das zu bewerkstelligen ist.
Deshalb wird jeder Unterschied im Verhalten, Denken, Fühlen, Wahrnehmen im Kontext dafür genutzt, einen Unterschied zu machen, (der einen Unterschied macht), der zur Lösung der Beschwerde führt.

 

Steve de Shazer sagt dazu:

 

Das Problem ist lediglich die Fahrkarte für die Therapie.
Wofür sollen wir uns mit der Fahrkarte befassen ?

Die Einteilung der Klienten

 

Um die Beziehung zwischen Therapeut und Klient skizzenhaft zu beschreiben, werden 3 Gruppen von Klienten unterschieden:

  • Besucher
    Klienten, die geschickt oder mitgenommen werden, die selbst keine Beschwerde haben.
    Intervention:
    Komplimente machen, und Ausschau halten nach dem, was funktioniert.
    Der Besucher bekommt keine weiteren Aufgaben.
  • Klagende
    Klienten, die eine Beschwerde haben, die Lösung als Resultat des Gesprächs erwarten.
    Intervention:
    Beobachtungs- oder Denkaufgabe als Hausaufgabe. (s. Standardaufgabe)
  • Kunde
    Klienten, die eine Beschwerde haben und bereit sind, etwas für die Lösung zu tun.
    Intervention:
    Nachdem die Unterschiede zwischen Ausnahme (oder hypothetischer Lösung) und Beschwerde beschrieben sind, wird die Hausaufgabe in Form von Verhaltensaufgaben gegeben: Tue mehr von dem, was wirkt

Komplimente:

 

In jeder Sitzung werden dem Klienten nach einer kleinen Konsultationsphase Komplimente darüber gemacht, was er „Richtiges“, „Gutes“, „Wirksames“ und „Nützliches“ tut.
Durch dieses Lob und die positive Konnotation erfährt er eine deutliche Wertschätzung.
Das stärkt den Rapport in der therapeutischen Beziehung, erweitert die Ressourcen des Klienten und fördert die Kooperations- bereitschaft und eine Ja – Haltung, auch für die anstehenden Aufgaben.

 

Aufgaben:

 

Die Hausaufgaben helfen dem Klienten dabei, seine Erfahrungen anders zu deuten und somit die Beschreibung seiner Situation abzuwandeln. Die Aufgaben liegen größtenteils bereits im Erfahrungsbereich des Klienten, bzw. gehören zu seinem Repertoire und unterstützen den Klienten darin, nützliche und wirksame Verhaltensweisen zu fokussieren und zu verstärken.

Beispiel: Herr H. bringt die Beschwerde vor, dass er sehr deprimiert ist. Im Erstgespräch stellt sich heraus, dass es gelegentlich spontane Ausnahmen gibt. Der Therapeut hilft Herrn H. dabei, die Unterschiede zwischen „guten Tagen“ und „schlechten Tagen“ herauszuarbeiten. Die Aufgabe, die Herr H. mit nach Hause nimmt, lautet dann:

 

Tun Sie mehr von dem, was an guten Tagen funktioniert.

 

Bei Klienten, die eher dem Typus „Klagender“ entsprechen, werden Beobachtungsaufgaben gegeben. (s.o.)
Manchmal wird ein Klient auch gebeten, am Vorabend eine Voraussage zu machen, ob das Symptom am nächsten Tag auftritt. Solch ein – auf den ersten Blick – widersinniges Vorgehen, Dinge vorherzusagen, die scheinbar nur zufällig eintreten, hat die Implikation, dass sie doch beeinflussbar sind. Außerdem lenkt die abendliche Vorhersage das Denken auf ein neues Element: nicht mehr die Vermeidung des Symptoms ist als Ziel markiert, sondern die richtige Vorhersage.
Gleichzeitig wird die Aufmerksamkeit auf die Unterschiede geschärft, die zwischen den Tagen mit und ohne Symptom bestehen. Damit ist die Grundlage für die Beeinflussung gelegt.

 

Dekonstruktion:

 

Beim Dekonstruktionsprozeß sucht der Therapeut nach irgendeinem Punkt im logischen System des Klienten, der unlogisch ist, ein Punkt, der die problematische Konstruktion zusammenfallen lässt.
Zentralkarte:

 

Ab Mitte der 80er rückte im BFTC immer mehr die Verfeinerung und Anwendung der Wunderfrage ins Zentrum der ersten Sitzung.

Der Ablauf einer ersten Sitzung kann wie folgt strukturiert werden:

 

Wunderfrage:

 

1. Teil

 

Ich hab eine seltsame und ungewöhnliche Frage … (Pause)

Stell dir sich den Fall vor, daß …
(Pause, wie Pausen in der Musik)

… wenn wir hier fertig sind, gehst du nach Hause, und tust all die Dinge,
die du jeden Tag tust, ißt zu Abend, siehst ein wenig fern,
oder tust irgend etwas anderes, und du gehst zu Bett und schläfst ein …
(Pause)

Und während du schläfst, geschieht ein Wunder … (Pause)

Und die Probleme, die dich hergebracht haben, sind im Nu gelöst … (Pause)

Aber es geschieht genau dann, wenn du schläfst, so kannst du nicht wissen,
daß es geschehen ist …
(Pause)

Wenn du also am nächsten Morgen aufwachst, wie wirst du entdecken,
woran wirst du erkennen, daß das Wunder geschehen ist ?

(Pause und warten …)

 

Meistens ist die erste Antwort:

ich weiß es nicht.

 

Welchen Wert hat eine Frage mit einer leichten Antwort ? (Sh. Holmes)

(Pause und warten)

 

Erfrage Details: wer, was, wann, wo, wie
(um so realer wird der Tag nach dem Wunder)

Und was noch ?

2. Teil 

 

Ohne daß du selbst etwas sagst, wie oder woran könnten andere Leute merken (wissen), daß das Wunder geschehen ist ?

 

Details

Und was noch ? …

3. Teil

Wann war es das letzte Mal, an das du dich erinnern kannst,
als die Dinge von der Art geschehen sind, wie an diesem Tag nach dem Wunder ?

 

Details

Und was noch ? …

Woran haben andere gemerkt, daß Dinge von der Art geschehen sind, … ?


4. Teil

Auf einer Skala von 0-10 wobei 10 dafür steht, wie es am Tag nach dem Wunder und 0 dafür steht, wie es am Tag der Terminvereinbarung für die Therapie war, wo zwischen 0 und 10 bist du gerade jetzt ?

Was ist anders ?
Woran würdest du merken, daß du bei 4 (wenn vorher bei 3) angekommen bist ?

Auf der gleichen Skala, wo warst du an dem Tag, der so ähnlich war, wie der Tag nach dem Wunder ?

Was würden andere Leute sagen, wo du bist ?
(meistens ein Punkt höher als die Selbsteinschätzung)
Was ist es, was andere sehen, was du selbst nicht siehst ?

 

Denkpause …
Komplimente, Aufgaben

 

2. Sitzung

 

Die Struktur wiederholt sich in allen weiteren Sitzungen.
Beginn mit dem 5. Teil

Was hat sich verändert ?
Was hat sich verbessert ?
Was ist besser ?

 

In der Regel gibt es eine Verbesserung.

Was hast du gemacht, um Dinge besser zu machen ?
Was ist geschehen, daß sich Dinge verbessert haben ?

Ist die Verbesserung gut genug ?
Wenn die Dinge auf diesem Level bleiben, wäre das okay ?

 

Wenn ja, einrichten einer Zuversichtsskala

Wie sehr vertraust du darin, daß Dinge dauerhaft gut genug sind ?
(Skala von 1-10)

 

Mit Hilfe von Skalen können subjektive Gefühlszustände gemessen werden.
Auch ist es möglich, Fortschritte zu messen und somit die Lösungserarbeitung zu erleichtern.

 

Denkpause

 

Komplimente

 

Aufgaben

Übertragung und Gegenübertragung

„Übertragung und Gegenübertragung“ aus konstruktivistischer Sicht

 

In der psychoanalytischen Lehre wird „Übertragung“ traditionell gesehen als die Verlagerung von Impulsen/Regungen/Gefühlen, die der Klient in früheren Beziehungen zu emotional wichtigen Bezugspersonen gelernt hat, auf den Therapeuten.
„Übertragung“ wurde von Freud ursprünglich gleichgesetzt mit „Affektverschiebung“: das impliziert die Vorstellung, dass der Klient unbewusst die Affekte, die er z.B. in Beziehung zu seinem Vater gelernt hat, auf den Therapeuten verschiebt.

Die „verdrängte Kindheitsneurose“ wird in diesem Denken als „Übertragungsneurose“, also unter dem Einfluss eines „Wiederholungszwanges“, in der therapeutischen Beziehung aktualisiert.

Dieser Widerhall früher gelernter Beziehungsmuster ruft seinerseits ein Echo im Therapeuten hervor, genannt „Gegenübertragung“.
Als „Gegenübertragung“ wird die emotionale Reaktion des Therapeuten auf die „Übertragung“ des Klienten bezeichnet.
Paula Heimann ging sogar davon aus, dass „Gegenübertragung“ alle Gefühle umfasse, die der Therapeut in der Beziehung zum Klienten erlebt.

 

Ursprünglich wurde „Gegenübertragung“ vom Therapeuten zum Klienten als etwas angesehen,
das den Therapieverlauf stört und negativ beeinflusst.
Infolgedessen war die Vermeidung von emotionalen Reaktionen die gängige Lehrmeinung.
Dem Therapeuten wurde die Funktion eines „leeren Spiegels“ zugeschrieben
– in dem sich die verzerrten (weil übertragenen) Gefühle des Klienten abzeichneten –
und er hatte peinlichst genau darauf zu achten, jede emotionale Reaktion in sich auszumerzen.
Hätte er emotional reagiert, so hätte er im Verdacht gestanden, auf die Übertragungen des Klienten unbewusst reagiert zu haben. Und das wurde als Fehler gewertet.

 

Das Modell von „Übertragung und Gegenübertragung“ impliziert eine in starkem Maße sezierend – kontrollierende Haltung des Therapeuten und gibt Aufschluss auf eine spezifische, eher fehler- und pathologie- orientierte Sicht der therapeutischen Beziehung.
Das Modell gründet zudem in einer Zeit, in der man davon ausging, dass der Therapeut eine objektive, eine von außen beobachtende, abstinent neutrale Position einzunehmen hat.

 

Heute und nicht zuletzt aufgrund der Erkenntnisse von Gregory Bateson und der Konstruktivisten geht man von anderen Prämissen aus.
Man weiß, dass ein Therapeut immer auch Teil des Therapiekontextes bzw. des therapeutischen Systems ist.
Der Therapeut ist mit seiner eigenen Biographie, mit all seinen Erfahrungen, seinen Gedanken, Gefühlen und mit seinen Erkenntnismöglichkeiten anwesend.

Die Annahme, dass es eine objektive Wirklichkeit gibt, die von außen zu beobachten wäre,
ist philosophisch und wissenschaftlich nicht haltbar. Gerade in sozialen Kontexten schafft die persönliche Bewertung und Bedeutungsgebung eine subjektive Wirklichkeit. Insofern ist der Therapeut selbstverständlich aktiv an den „Konstruktionen der Wirklichkeit“ beteiligt.

 

Einer der Mitbegründer konstruktivistischer Ideen, Heinz von Förster (Professor für Informatik, Biophysik, Physiologie) hat sehr treffend einfach formuliert:

 

Es ist doch ein unglaubliches Wunder, das hier stattfindet.
Wenn man nur für einen Moment sagt:
Das bist du, der diese Sicht der Welt produziert, das ist nicht draußen, das ist nicht irgendeine sogenannte objektive Wirklichkeit, auf die man sich beziehen kann.
Man kann nicht mehr andere verantwortlich machen für das, was man sieht, denn man ist ja selbst derjenige, der diese Sicht konstruiert.
Die Menschen erhalten ihre Verantwortung in größtmöglichem Maße wieder zurück, können sie nicht an irgendeine übergeordnete Instanz oder irgendwelche äußeren Umstände abschieben. Sie werden Beteiligte.

 

In diesem neuen Verständnis ist der Therapeut ein Beteiligter – und das hat nachhaltigen Einfluss auf die Art der Gestaltung der therapeutischen Beziehung.

Ich plädiere dafür, die therapeutische Beziehung als eine partnerschaftliche Kooperation zu sehen,
bei der jede beteiligte Person eine spezifische Verantwortung trägt:

 

  • Der Klient trägt die Verantwortung für sich selbst und für sein Thema, mit dem er in Therapie gekommen ist.
  • Der Therapeut trägt die Verantwortung für sich selbst und für seine Interventionsangebote und unterstützt den Klienten darin, eigenverantwortlich sinnvolle Lösungskonzepte zu entwickeln.

 

Eine logische Konsequenz aus dieser Sicht ist, dass der Klient innerhalb einer kooperativen therapeutischen Beziehung lernt, mehr und mehr in eigene Kompetenzen zu vertrauen, sein Selbstbewusstsein und seinen Selbstwert weiter zu entwickeln und selbständig Lösungen zu entwickeln.

 

Um einen Kontrast zu schaffen, möchte ich kurz auf eine weniger kooperative Art der Beziehungsgestaltung zu sprechen kommen.
Die Beziehungsstruktur entspricht in etwa einem Arzt – Patienten – Verhältnis.
Auf die Aufforderung des Klienten Sagen Sie mir, was genau mein Problem ist, wo es herkommt und lösen Sie es !  reagiert der Therapeut, indem er die Verantwortung für Diagnostik, Ursachenforschung und Problemlösung übernimmt.

Im Extremfall wird dadurch der Klient zu einer Konsumhaltung eingeladen und in seiner Hilflosigkeit bestätigt.
Der Therapeut seinerseits läuft Gefahr, in eine „Expertenfalle“ zu geraten,
in der er für den Klienten immer neue Zuschreibungen und Ratschläge ersinnt.
Der Klient vertraut in das Experten – Knowhow und in die diagnostische Kompetenz des Therapeuten und delegiert jegliche Verantwortung.
Er ist, um es mal so zu formulieren, den Diagnosen und Ratschlägen des Therapeuten „ausgeliefert“. Kann er die Ratschläge des Therapeuten nicht annehmen oder nicht umsetzen, wird häufig die Therapie beendet. Der Therapeut verliert seine Kompetenz.

 

In meiner eigenen therapeutischen Praxis häufen sich in den letzten Jahren die Fälle, bei denen Klienten schildern, über Jahre in psychoanalytischer Therapie gewesen zu sein und dass die therapeutische Beziehung mittlerweile als vorherrschendes Problem wahrgenommen wird.
Es ist ja auch kein Wunder: wenn ein Klient (und ich hab mehrere dieser Fälle) über 5 oder 7 Jahre zweimal die Woche in Therapie geht, so liegt der Verdacht nahe, dass da ein Abhängigkeits- Verhältnis entsteht, bei dem alle Varianten von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen im klassischen Sinne zu tragen kommen.

Und die Frage sei erlaubt, inwieweit Übertragungsphänomene nicht an sich schon gefördert werden, indem die „Hilfsbedürftigkeit“ des Klienten in eine therapeutische Beziehung hineingetragen wird, die durch ein Autoritätsgefälle (wie im Arzt – Patienten – Verhältnis) charakterisiert ist.
Ist das nicht schon an sich eine Einladung an den Klienten, in eine kindliche Position zu regredieren,
den Therapeuten als Vater- oder Mutterfigur o.a. zu sehen und die im Herkunftssystem gelernten Gefühle zu übertragen …?
Und ist es nicht angesichts einer solch direktiven und hierarchischen Beziehungsstruktur allzu logisch, wenn der Therapeut sich eingeladen fühlt, auf die Hilfsbedürftigkeit des Klienten väterlich oder mütterlich zu reagieren …?

 

Eine kooperative therapeutische Beziehung impliziert ein partnerschaftliches Miteinander,
bei dem sehr klar differenzierend mit der Frage der Verantwortung umgegangen wird.

Und mal angenommen, es gäbe so etwas wie „Übertragung“,
wäre es nicht sinnvoll, das als Beziehungsangebot des Klienten wahrzunehmen und für den therapeutischen Prozess zu nutzen ?
Und wäre es nicht sinnvoll, die Beziehungsangebote aufmerksam wahrzunehmen und angemessen und authentisch darauf zu reagieren ?
Wenn man schon mit diesen Begriffen (Übertragung, Gegenübertragung) jongliert, wäre eine positive Konnotation angebracht.

 

Als Therapeut will ich auf Beziehungsangebote meiner Klienten reagieren.
Und da, wo vom Klienten übertragene Gefühle auf einen Herkunftskontext hindeuten, sind sie doch ein wichtiges Signal, gelernte Beziehungsstrukturen und deren Entstehungszusammenhänge zu erkennen und zu verstehen.

Ich hab gute Erfahrungen damit gemacht, immer mal wieder auf die Meta – Ebene zu gehen und auch meine Klienten dorthin einzuladen. Aus einer beobachtenden, distanzierten Position lassen sich spezifische Kommunikations- und Interaktionsmuster gut anschauen.

 

Im Vordergrund meiner eigenen therapeutischen Haltung steht weniger die Frage, wie ich Gegenübertragungen vermeiden kann, sondern eher die Frage, wie ich authentisch und professionell, gewissenhaft reflektierend und flexibel einen Arbeitsauftrag erfüllen kann, der sich an der eigenen ethischen Grundhaltung und an den Aufträgen
(die es selbstverständlich zu hinterfragen gilt) und Zielen der Klienten orientiert. Es geht darum, passende Konzepte anzubieten, die für den therapeutischen Prozess förderlich und für einen Lösungsbezug hilfreich sind.

 

Einer meiner Lehrer hat einmal sinngemäß formuliert:

 

Jeder therapeutische Prozess ist ein gemeinsamer Tanz, bei dem Klient und Therapeut gleichermaßen beteiligt sind.

 

Dass beide ein großes Repertoire an Möglichkeiten haben, diesen Tanz vielfältig zu gestalten, davon gehe ich aus. Und inwieweit zum Selbstverständnis eines Therapeuten gehört, mal mehr oder weniger emphatisch zu sein, mal mehr oder weniger berührt zu sein, mal mehr oder weniger distanziert zu sein, usw., das bleibt jedem selbst überlassen.

AIKIDO – Prinzip in der Psychotherapie

Das AIKIDO – Prinzip in der Psychotherapie

 

AIKIDO ist ein in Japan von MORIHEI UYESHIBA begründeter Weg der körperlichen und geistigen Schulung zur Selbsterweiterung des Menschen.
Morihei Uyeshiba (1883-1969) stammte aus einer angesehenen Samurai-Familie,
erlernte die verschiedenen klassischen Kampfkünste Japans und erforschte deren Grundprinzipien.
Dabei erkannte er, dass in allen Kampfsportarten eine künstliche Polarität zwischen Menschen erzeugt wird, die auf Gewalt und Gegengewalt beruht.
Diese Grundkonstellation, so Uyeshiba, fördert Aggression und führt zur Eskalation von Gewalt.
Aus dieser Erkenntnis heraus formte er ein neues System einer kodierten Körpersprache und Körperdynamik zur Entwicklung und Regeneration geistig – seelischer und körperlicher Kräfte.
Eine tief empfundene Harmonie mit der Natur und dem Kosmos und ein Respekt vor allem Lebendigen bilden die Basis des AIKIDO.
Entgegen der oben beschriebenen Haltung in den Kampfsportarten, durch Kampf und Gewalt einen Sieg zu erreichen, geht es im AIKIDO um das harmonische Vereinen gegensätzlicher Kräfte.

 

AIKIDO heißt übersetzt:

AI Harmonie, Einheit, Liebe
KI geistige Urkraft, kosmische Energie, Fluidum
DO Weg

 

Uyeshiba beschreibt die Bedeutung des AIKIDO mit folgenden Worten:

 

AIKI ist keine Technik, um den Feind zu bekämpfen oder zu besiegen;
es ist der Weg, die Welt zu versöhnen und aus den Menschen eine Familie zu machen.
Das Geheimnis des AIKIDO ist es, sich mit den Bewegungen des Universums in Einklang zu bringen
und mit ihm zu harmonisieren.

 

Um Kräfte zu vereinen, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen, werden im AIKIDO kreis – und spiralförmige Bewegungen geübt.
Diese spielerisch wirkenden, geschmeidigen Bewegungsabläufe bewirken nicht nur eine Kräftigung des Körpers, sondern auch Bewusstheit und Klarheit im Verhalten.
Einfachheit, Natürlichkeit und Friedfertigkeit sind hierbei wesentliche Bestandteile.

 

Die nachfolgenden Ausführungen haben die Absicht, anhand von AIKIDO – Grundzügen,
wesentliche Aspekte der Beziehungsgestaltung zwischen TherapeutIn und KlientIn zu beschreiben.
(T steht für TherapeutIn, K steht für KlientIn)

 

Die Persönlichkeit von T 

 

Der Aikidoka agiert aus der Mitte heraus.
Die stabile Ausgangsposition ermöglicht ihm den effektiven Einsatz seiner Kräfte zur Lösung der mit dem Leben verbundenen Aufgaben.

 

Es ist eine Grundvoraussetzung für Menschen, die mit anderen Menschen therapeutisch arbeiten,
dass sie sich in einem permanenten Prozess der Selbsterfahrung und Selbstreflektion befinden.
Das ist keineswegs eine übliche Sichtweise. Vor einigen Jahren verkündete ein Psychologie – Professor mit Stolz, dass er vor 30 Jahren Selbsterfahrung gemacht und deshalb ein Hinterfragen seiner Person oder seines Tuns nicht nötig hat.

 

Der permanente Prozess der Selbsterfahrung bedeutet natürlich in erster Linie, mit sich selbst im Sinne einer körperlich-geistig-emotionalen Gesunderhaltung bzw. Gesundung in Übung zu bleiben.
Körperliche und geistig – emotionale Beweglichkeit bilden sozusagen den Nährboden, auf dem gesunde Beziehungen zu anderen Menschen und ein gesunder Kontakt zu sich selbst im Innern gedeihen können.
Wie soll ein T, die/der die Signale des eigenen Körpers ignoriert, die körpersprachlichen Botschaften von K wahrnehmen und sie als kodierte Aussage innerer Konstellationen verstehen ?
Wie soll ein T, die/der die eigenen Beziehungen (Ehe, Partnerschaft, Familie …) ungeklärt lässt,
einem K auf kongruente Weise Unterstützung geben, wenn es um Paar- und Familienthemen geht ?
Wie soll ein T, die/der mit sich selbst im Unreinen ist, einem K Hilfestellung geben bei der Lösung von Konflikten ?

 

Sich seiner selbst bewusst zu sein, eigene Fähigkeiten und Kompetenzen realistisch einzuschätzen, mit sich selbst liebevoll, wachsam und wertschätzend umzugehen, gut für sich selbst zu sorgen, eine wohltuende Haltung einzunehmen …
das sind wichtige Vorab – Bedingungen, um einen wertschätzenden Kontakt zu anderen Menschen,
innerhalb und ausserhalb von therapeutischen Settings, aufzubauen.

 

Beziehungsgestaltung 

 

Wer immer auf den Boden schaut, kann nicht die Sterne sehen

 

Die Annahme, dass es eine objektive Wirklichkeit gibt, hat sich in den letzten Jahrzehnten philosophisch und naturwissenschaftlich als nicht haltbar erwiesen.
Zahlreiche Untersuchungen, auch in der Hirnforschung, legen den Schluss nahe, dass wir es, wenn es um Wahrnehmung der Wirklichkeit geht, mit ganz persönlichen Konstruktionen von Realität zu tun haben.
In sozialen Kontexten ist es gerade die persönliche Bewertung und Bedeutungsgebung von
Ereignissen oder Erlebnissen, die eine subjektive Wirklichkeit schafft. (sozialer Konstruktivismus)

 

Schon bei Epiktet heißt es:

 

Erfahrung ist nicht das, was mit einem Menschen geschieht.
Sie ist das, was ein Mensch aus dem macht, was mit ihm geschieht,
und wie er das Geschehene bewertet.

 

Heinz von Förster, ehemals Professor für Informatik, Biophysik, Physiologie formuliert die Grundzüge des sozialen Konstruktivismus folgendermaßen:

 

Es ist doch ein unglaubliches Wunder, das hier stattfindet.
Wenn man nur für einen Moment sagt:
Das bist du, der diese Sicht der Welt produziert, das ist nicht draußen, das ist nicht irgendeine sogenannte objektive Wirklichkeit, auf die man sich beziehen kann.
Man kann nicht mehr andere verantwortlich machen für das, was man sieht, denn man ist ja selbst derjenige, der diese Sicht konstruiert.
Die Menschen erhalten ihre Verantwortung in größtmöglichem Maße wieder zurück, können sie nicht an irgendeine übergeordnete Instanz oder irgendwelche äußeren Umstände abschieben. Sie werden Beteiligte.

 

Paul Watzlawick, Professor für Psychiatrie und Lehrbeauftragter für Psychotherapie, formuliert folgendermaßen:

 

Wir leben in einer imaginären Wirklichkeit.

 

Ruth Cohn, die Begründerin der TZI (Themenzentrierte Interaktion), antwortet in einem Interview auf die Frage, was wohl die wichtigsten Erkenntnisse aus ihrer jahrzehntelangen therapeutischen Arbeit seien, mit den folgenden 3 Sätzen:

 

Alle Menschen sind gleich
Alle Menschen sind verschieden
Alle Menschen sind gleich und verschieden

 

Geht man davon aus, dass sich im therapeutischen Kontext Themen wiederholen, – einfach, weil es menschliche Themen sind -, so ist doch die Ausprägung der Themen eine ganz persönliche.

Individuelle biographische Komponenten mögen ihren Teil dazu beitragen, dass gegenwärtige Erfahrungen auf besondere (persönliche) Weise interpretiert werden.

Alfred Korzybski, ein Psychologe und „Neurolinguist“ hat zu Beginn des letzten Jahrhunderts die These aufgestellt, dass Menschen durch die Ansammlung von Erfahrungswerten (und der jeweiligen Bedeutungsgebung) „innere Landkarten“ anlegen, mit Hilfe derer sie in der äußeren Welt Orientierung finden.
Sein Satz Die Landkarte ist nicht das Gebiet unterscheidet die äußere Welt von dem, was Menschen innerlich daraus machen. Weiterhin formuliert er sinngemäß:
Menschen reagieren nicht unmittelbar auf die äußere Welt, sondern auf die inneren Landkarten.

 

Subjektive Wirklichkeiten – also das, was bei einem Menschen ganz persönlich wirkt -, beinhalten Aspekte der Wahrnehmung und Muster des Denkens, Fühlens und Verhaltens.
Wesentliche Aspekte der Beziehungsgestaltung im therapeutischen Kontext sind

 

  • die wertschätzende Aufmerksamkeit für K
  • Offenheit und Wachsamkeit für die persönlichen Realitätskonstruktionen

 

In vielen therapeutischen Verfahren gibt es rigide Vorgehensweisen, die auf eine ebenso rigide Kategorisierung von menschlichem Verhalten zurückgreifen.
Eine vermeintlich symptombezogene Sicht lässt die Individualität und die Persönlichkeit von K oftmals außer acht.

 

Eine Geschäftsfrau, deren Firma Konkurs anmelden musste, leidet unter der Situation.
Sie schildert ihrem Hausarzt die Lage und klagt über Schlafstörungen.
Der Hausarzt überweist sie an einen Psychoanalytiker. In der ersten Therapiestunde bekommt die Klientin einen Fragebogen, für dessen Beantwortung sie 40 min braucht. Die Frau soll in dem Bogen eintragen, wann sie zum ersten Mal ihre Regel hatte, wann sie zum ersten Mal einen Mann geküsst hat,
wann sie das erste Mal Geschlechts- verkehr hatte usw. Nach dieser ersten Sitzung, die damit endet, dass der Analytiker der Klientin beim Überfliegen der Antworten im Fragebogen sagt, dass man in der Therapie wohl weit in die Kindheit zurückgehen müsste, weiß er nichts über die Beweggründe der Frau, in Therapie zu kommen, nichts über deren Leiden, nichts über ihre Hoffnungen usw.

 

Solche standartisierten Verfahren gehen an den Bedürfnissen der Menschen vorbei und missachten die Persönlichkeit der Klienten.

 

In modernen „konstruktivistischen“ Therapieverfahren weiß man um die Wichtigkeit des grundlegenden Respekts und der Wertschätzung der Klienten in ihrer Individualität.
Man geht davon aus, dass ein „Pacing“, ein Angleichen an die subjektiven Realitätskonstruktionen der Klienten notwendig ist, um einen sinnvollen, gemeinsamen Prozess zu initiieren.
Und somit bin ich auch wieder beim Weg des Aiki angekommen.

 

Durch die Vereinigung von Kräften in einer fließenden Bewegung
entsteht ein harmonisches Miteinander.

 

Es ist wie ein gemeinsamer Tanz, der von T Wachsamkeit, Flexibilität und eine neugierige „Forscherhaltung“ verlangt, um die Botschaften und Impulse von K aufzunehmen und entsprechend dem therapeutischen Auftrag in eine gewünschte Richtung hin gemeinsam entwickeln zu können. Ein wohltuendes „Eigenpacing“, wie es im ersten Abschnitt beschrieben wurde, ist hier selbstverständlich vorausgesetzt.

 

Die Einstellung des Menschen offenbart sich in seiner Haltung

 

Vor einigen Jahrzehnten wurde von Milton Erickson der Begriff „Utilisation“ geprägt.
Damit ist gemeint: ein zieldienliches Nutzbarmachen von für den therapeutischen Prozess hilfreichen Aspekten aus dem subjektiven Modell der Welt des Klienten.

 

Jeff Zeig, der Vorsitzende der Milton Erickson Foundation, beschreibt das Prinzip der Utilisation als eine Philosophie der Effizienz. Jeff Zeig in einem seiner Seminare:

Utilisation

 

  • macht die Therapie experimentell, erfinderisch
  • erhält sie frisch
  • gibt Energie
  • ist die Grundlage für Lösungen
  • macht Spaß
  • hält T jung
  • führt zu Assoziationen

 

Utilisation bezieht sich auf die

 

  • verbalen Botschaften von K
    (Sinnespräferenzen in der Sprache, Schlüsselbegriffe, Überzeugungen,
    hypnotische Sprachmuster im Sinne von wirkungsvollen Selbstsuggestionen)
  • nonverbalen Botschaften von K
    (Bewegung, Körperhaltung, Gestik, Mimik usw., im Sinne von ideomotorischen Signalen,
    die als spezifische Codierung von innerem Erleben fungieren)
  • gegenwärtigen Denk- und Fühlmuster
  • Stärken, Erfolgserlebnisse, Sternstunden
  • Fähigkeiten, Qualitäten und Werte
  • Selbstbilder
  • Erfahrungen von Gemeinschaft und Zugehörigkeit
  • systemische Dynamik, in der K erlebt und agiert.

 

K wird im therapeutischen Prozess dort respektvoll abgeholt, wo er/sie sich gerade befindet.
Dabei spielt die Wachsamkeit von T eine große Rolle, die oben genannten Signale von K als stimmigen Ausdruck des gegenwärtigen Zustands wahrzunehmen.

 

Im Aikido wird im besonderen die kinästhetische und die visuelle Aufmerksamkeit geschult, damit die Energie des Übungspartners aufgenommen und weitergeführt werden kann.

 

Im Therapiekontext ist der Fokus der Aufmerksamkeit im weiteren Verlauf auf die Kompetenzen und Ressourcen von K gerichtet, die letztendlich die Grundlage für ein Lösungserleben bieten.

 

Im Rahmen eines dynamisch fliessenden, gemeinsamen Prozesses geht es immer wieder um ein feinfühliges Wahrnehmen von veränderungsstimulierenden und kompetenzstabilisierenden Aspekten und um die Fähigkeit des Innehaltens, wenn Erkenntnisse gewonnen und eine Vertiefung des gewünschten Erlebens erreicht werden.

 

Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch viele Möglichkeiten der Lebensgestaltung
gelernt hat und ein großes Potential für Veränderung in sich trägt.

 

AIKIDO THERAPIE
  • Gemeinsame fließende, runde Bewegungen
  • Die Energie des Partners aufnehmen und in eine Kreisbahn lenken
  • Fließende, lebendige Kommunikation
  • Austausch von Ideen
  • Utilisation von verbalen und
    körpersprachlichen Signalen
  • Therapeutische Einladungen und Angebote zur Entwicklung von Lösungsszenarien
  • De – Strukturierung von einschränkenden
    Erlebnismustern und Neustrukturierung

B
E
Z
I
E
H
U
N
G
  • Wahrnehmung nach außen
  • Aufmerksamkeit mit allen Sinnen,
    vor allem visuell und kinästhetisch
  • Entspannte Offenheit
  • Kontakt halten
  • Wahrnehmung nach außen
  • Wachsamkeit mit allen Sinnen
    Pacing
  • Informationen sammeln

E
X
T
E
R
N
  • Standfestigkeit
  • Erdverbundenheit
  • Friedfertigkeit
  • Zentriertheit
    (In der eigenen Mitte ruhen)
  • Flexible Stabilität
  • Bewusstsein für die eigene Haltung
  • Selbstsicherheit
  • Eigen – Pacing
    (Guter Kontakt zu sich selbst)
  • Mit sich im Einklang sein
  • Offene Selbstwahrnehmung
  • Stabile Flexibilität
  • Verantwortung für die eigene Haltung
  • Klarheit

I
N
T
E
R
N

 

Plädoyer für eine neue Psychotherapie

Plädoyer für eine Neuorientierung in der Psychotherapie

 

In Artikel 3 des in Deutschland seit dem 01.01.1999 geltenden Psychotherapeutengesetzes heißt es:

 

Ausübung von Psychotherapie im Sinne dieses Gesetzes ist jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist. Im Rahmen einer
psychotherapeutischen Behandlung ist eine somatische Abklärung herbeizuführen.
Zur Ausübung von Psychotherapie gehören nicht psychologische Tätigkeiten, die die Aufarbeitung und Überwindung sozialer Konflikte oder sonstige Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben.

 

Die sogenannten „Störungen mit Krankheitswert“ sind zusammengefasst im ICD 10
(International Statistical Classification of Diseases) und im DSM 4 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders).

 

Das psychotherapeutische Menschenbild                

in den Ausführungen von ICD und DSM ist einem defizitorientierten medizinischen Denken entlehnt, das die Aufmerksamkeit vorwiegend auf „Störungen“ bzw. „Krankheiten“ richtet.

 

Es sei erlaubt, an dieser Stelle einige Fragen zu formulieren:
Wenn von „Störungen“ die Rede ist …

 

  • Wer oder was „stört“ denn da eigentlich ?
  • Wer oder was wird „gestört“ ?
  • Auf welche Weise geschieht dieses „Stören“ ?
  • Und die „Gestörten“, sind das die Klienten, oder andere Personen, etwa Familienangehörige,
    Mitarbeiter, Vorgesetzte, ein gesellschaftliches Regelsystem, eine Norm, eine Moral … ?
  • Wer entscheidet darüber, was eine „Störung“ und was eine „Nicht- Störung“ ist ?
  • Und wer entscheidet darüber, was krank ist und was gesund ?

 

Interessanterweise sind die Definitionen von Gesundheit innerhalb des medizinischen Denksystems in der Regel Negativbestimmungen, d. h., Gesundheit wird als Abwesenheit oder Freisein von Krankheit beschrieben.

 

Das medizinische Denksystem 

wurzelt in den philosophischen und naturwissenschaftlichen Errungenschaften des 17. Jahrhunderts. Hier seien insbesondere das Erkenntnismodell und das Weltbild von Descartes erwähnt:

 

Descartes geht davon aus, dass die Welt so ist, wie sie ist. Sie ist von Gott geschaffen und ihr Bauplan und ihre Gesetzmäßigkeiten sind von Gott festgelegt.
Die Wechselbeziehungen der Objekte in dieser Welt sind durch mechanische Gesetze bestimmt und unterliegen dem Prinzip von Ursache und Wirkung.

 

Der nach Erkenntnis strebende menschliche Geist (bei Descartes „res cogitans“) nimmt die Position eines Beobachters ein, der versucht, die Gesetzmäßigkeiten der Dinge geistig zu durchdringen und sie berechenbar zu machen, indem er komplexe Phänomene in ihre Bestandteile zerlegt.
Die Beobachtungen haben in diesem Denken keinen Einfluss auf die beobachteten Objekte, also auf die „objektive Realität“ der Dinge.
Descartes nimmt eine strenge Trennung zwischen Geist und Materie, bzw. zwischen Subjekt und Objekt vor.

 

Im 19. und 20. Jahrhundert feierte die Medizin aufgrund dieses Denkens beeindruckende Erfolge.
In den wissenschaftlichen Laboratorien wurden erstmalig Bakterien identifiziert und isoliert und passende Gegenmittel entwickelt.
Ärzte konnten von nun an ihren Patienten helfen, indem sie die „Krankheit“ diagnostizierten und die entsprechenden Gegenmittel verabreichten. Die oberste Handlungsdirektive allen ärztlichen Tuns lautete: „Diagnose und Behandlung“.

 

Im 20. Jahrhundert wurde die Anwendung des medizinischen Modells ausgedehnt auf psychische, emotionale Probleme und auf zwischenmenschliche Konflikte. Anhand der Beschwerden und Symptome von Patienten wurden „Landkarten“ über psychische „Krankheits“- Phänomene (s. DSM und ICD) angelegt, um möglichst schnell die sogenannten
„Störungen mit Krankheitswert“ diagnostizieren und behandeln zu können.

 

Im Zuge zunehmender Technisierung wurde das menschliche Individuum (das Unteilbare) mit Hilfe von Diagnosen reduziert auf Symptome und Krankheitsbilder. Die Ganzheitlichkeit des Menschen wurde vollkommen vernachlässigt.

 

In der Psychiatrie (und das geschieht bis heute) hat man weniger Wert auf die psychologischen Dimensionen von Problemen und Leidenszuständen gelegt, sondern man hat versucht, organische Ursachen für die sogenannten „seelischen Störungen“ zu finden.

 

Es liegt auf der Hand, dass Diagnosen, die einen symptombezogenen Fokus haben, einem Menschen nicht gerecht werden. Es gibt immer wieder Beispiele dafür, wie Diagnosen missbraucht werden können.

 

Da „psychische Störungen“ auch als Abweichung von der Norm definiert werden, stellt sich die Frage: Wer bestimmt eigentlich, was normal ist ?
(in ähnlicher Weise zu verstehen wie die Frage: wer bestimmt eigentlich, was krank und was gesund ist ?)

 

  • Homosexualität galt lange Zeit als behandlungsbedürftige psychische Störung
  • Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass Schizophrenie häufiger bei schwarzen Angehörigen der
    Unterschicht diagnostiziert wurde als z. B. bei Personen aus der weißen Mittelschicht
  • In der Sowjetunion wurden politisch Andersdenkende über viele Jahre als Schizophrene abgestempelt und
    in geschlossene Anstalten interniert. Offiziell gab es so keine politischen Gefangenen
  • In vielen Ländern der Erde werden unliebsame Kritiker in psychiatrischen Anstalten gefangen gehalten und gefoltert

 

Diese Liste ließe sich beliebig erweitern. Zu zeigen war hier lediglich die politische Dimension von Diagnosen im Bereich der sogenannten „psychischen Störungen“.

 

In den 60er Jahren

im Zuge des Aufbruchs zu neuen kulturellen, gesellschaftlichen und persönlichen Erfahrungen, entstand in England und Italien eine „antipsychiatrische Bewegung“. Die Psychiater Laing (in England) und Basaglia (in Italien) proklamierten, dass „psychische Krankheit“ als eine Erfindung der herrschenden Kreise einer Gesellschaft und insbesondere als eine Erfindung von Psychiatern anzusehen ist.
Die Stigmatisierung „psychisch krank“ wird als Mittel zur Durchsetzung herrschender Interessen genutzt, also um Herrschaft und Einkommen (bei den Psychiatern) zu sichern.

 

Das eigentliche Problem sahen die „Antipsychiater“ in der Ablehnung (per Abstempelung = Diagnose) von sozial abweichendem bzw. gesellschaftlich unerwünschtem Verhalten.
Laing, Basaglia und ihre KollegInnen stellten bei ihrer langjährigen Tätigkeit als Psychiater fest,
dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Leiden, dem Problemerleben der Klienten und der Symptomatik, die Folge der Diagnostizierung von „Krankheit“ ist, gibt.
Sie prägten den Begriff „Anstaltskrankheit“, um zu verdeutlichen, dass die Anstalt die Patienten durch die diagnostische Abstempelung zu Kranken erst krank macht.
Die Annahme der Rolle eines Kranken führe dazu, dass die Betroffenen sich so verhalten, wie es angeblich psychisch Kranken entspricht.

 

Laing zog aus seinen Erfahrungen in der Psychiatrie die Konsequenz, aus diesem krank machenden System auszusteigen. Er lebte ab 1965 als gleichberechtigter Mitbewohner in einer Wohngemeinschaft mit als schizophren diagnostizierten Personen.
Er gründete die Philadelphia Association, um Menschen durch gemeinschaftliche Wohnformen die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt zu ersparen.
Als Buchautor bezog er deutlich Position gegen die mystifizierende Verdinglichung der von Freud als unbehandelbar betrachteten psychotischen Geistesstörungen.

 

Für Laing waren psychische Leidenszustände im Kontext einer familiären und gesellschaftlichen Genese zu sehen.

 

In Italien führte die antipsychiatrische Bewegung dazu, dass die Anstalten in Triest und anderen Städten geöffnet wurden, das Autoritätsgefälle zwischen Ärzten, Therapeuten und Patienten aufgehoben wurde.
Die Patienten erlangten ihre menschlichen Grundrechte und Freiheiten wieder.
Wichtige klinikrelevante Themen wurden im Forum der Vollversammlung besprochen.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kritik der antipsychiatrischen Bewegung sehr deutlich auf die Gefahr des Missbrauchs von psychiatrischer und psychotherapeutischer Definitionsmacht hinweist.
Auch heute noch werden Menschen aufgrund psychiatrischer / psychopathologischer Diagnosen eingesperrt und entmündigt; „zu ihrem eigenen Wohl, zum Schutz …“ heißt es.
Doch der Spruch „Wir wollen doch nur Dein/Ihr Bestes“ ist hinlänglich bekannt und oft genug gehört aus dem Munde repressiver Pädagogen.
Es scheint heute zur gängigen Praxis zu gehören, dass auch Klienten bei Ärzten und Psychotherapeuten mit pathologischen Diagnosen konfrontiert werden. So kam eine Klientin zu mir in Praxis, völlig aufgelöst, und berichtete, eine Therapeutin hätte ihr nach einem Erstgespräch gesagt, „sie habe Borderline“.
Eine andere Klientin bekam von ihrem Hausarzt (der keinen therapeutischen Ausbildungshintergrund hat) zu hören, sie leide an „krankhaften Angststörungen“. Als sie dann einen Therapeuten aufsuchte, erfuhr sie aus seinem Munde,
dass ihre Krankheit (nämlich die „Angst- und Zwangsstörung“) „unheilbar“ sei.

 

Diese Beispiele (und es ließe sich noch eine Vielzahl davon aufführen) sind aktuell und nicht etwa, wie man meinen könnte, aus dem letzten Jahrhundert.
Meine Kritik bezieht sich hier keineswegs auf therapeutisches Wissen, sondern auf die an Kategorien von Lehrbüchern ausgerichtete Deutungsarroganz von ÄrztInnen und TherapeutInnen, die oftmals Hoffnungslosigkeit bei KlientInnen zur Folge hat.

 

Diese Deutungsarroganz schafft durch die Macht des Deutenden ein für den therapeutischen Prozess wenig hilfreiches Autoritätsgefälle.
Der Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn fehlt dadurch die kooperative Basis.
Der Klient wird durch die Diagnose dazu verführt, mit seiner inneren Aufmerksamkeit nur noch auf seine „psychische Erkrankung“ zu starren und sie in allen Lebensbereichen zu „erfinden“ und zu manifestieren.

 

Die pathologische Diagnose wirkt diffus und verstärkt die Problem – Symptome.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Klient die Vielzahl an Veröffentlichungen über „Borderline“ und die kontroversen Diskussionen darüber kennt.

 

Was vielmehr als Botschaft ankommt, ist: Sie sind krank … oder Sie haben eine schwere psychische Erkrankung
Solche Botschaften haben den Charakter von machtvollen Suggestionen, die den Klienten in eine
„Ich bin psychisch krank“ – Hypnose hineinversetzen, mit all den über das Maß des Ausgangs- Problemerlebens hinausgehenden Ängsten, Befürchtungen, Fantasien, inneren Negativ – Bestätigungen und Selbstverurteilungen. Lösungen geraten bei diesem Denken erst mal vollständig aus dem Blickfeld.

 

Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass pathologiebezogene Diagnosen eine vordergründige Erleichterung und Entspannung beim Klienten zur Folge haben können, aber eben nur eine vordergründige.

 

Hintergründig wird das „Krankheitsbild“ als Alibi genutzt, um den aktuellen Problemen aus dem Wege zu gehen, eben mit der Begründung „ich bin ja krank … ich kann das nicht … ich bin damit überfordert … usw.“

Es wird der Anschein erweckt, als hätte man z.B. „Borderline“, so wie man z.B. ein Magengeschwür hat. Aber auch diese Variante verfestigt letztendlich das Problemerleben.

 

Ein neuer Gesundheitsbegriff

Nachdem ich nun (wie ich finde) ausgiebig die Manifestierung eines Problemfokus` kritisiert habe, indem ich eines der Probleme im psychotherapeutischen Bereich fokussiert habe, möchte ich mein Plädoyer für eine konstruktive, lösungsbezogene und selbstverständlich auch Problem- wertschätzende Psychotherapie beginnen.

 

Die Welt hat sich verändert; sie ist nicht mehr,
wie sie einmal war, und ihre neuen Probleme können deshalb nicht mehr auf der Grundlage eines Denkens
angepackt werden, das uns aus vergangenen Jahrhunderten überkommen ist.

Michail Gorbatschow (1987)

 

Wir leben heute in einer multikulturellen, global vernetzten Gesellschaft.
Eine zeitgemäße Psychotherapie muss sich von althergebrachten Methoden defizitärer Modelle und Denkweisen verabschieden, um eine Neuorientierung vollziehen zu können.
Wir haben die Chance, die Erkenntnisse und Erfahrungswerte der Antipsychiatrie, der Humanistischen Psychologie, des sozialen Konstruktivismus, des systemischen und lösungsorientierten Ansatzes und der jeweiligen Vertreter zu nutzen, im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtungsweise menschlicher Themen.
Das bedeutet selbstverständlich, den Menschen wieder als Einheit von Körper, Geist und Seele zu sehen und ihn als Teil eines spezifischen sozialen Gefüges wahrzunehmen.

 

Menschliche Themen können verstanden werden als Ausdruck von emotionalen und geistigen Aspekten des Erlebens im Kontext der eigenen Biographie und der jeweiligen familiären und beruflichen Lebensumstände.
Diesem Ansatz liegt ein multidimensionaler Gesundheitsbegriff zugrunde, der die Eigenverantwortlichkeit und Gestaltungsfähigkeit des Menschen hervorhebt.

 

In der Präambel der Charta der Weltgesundheitsorganisation WHO heißt es:

 

Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen physischen, geistigen und sozialen Wohlergehens und
nicht nur das Fehlen von Krankheit und Behinderung.

 

Diese Aussage könnte doch Hinweis in neue Richtung sein.

 

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat in den letzten Jahrzehnten das Konzept der Salutogenese entwickelt, das als Gegenpol der immer noch vorherrschenden Pathogenese zu verstehen ist.
Die Salutogenese (salus, lat.: Unverletztheit, Heil, Glück; genese, griech.: Entstehung) beschäftigt sich mit den Faktoren, die für eine Erhaltung von Gesundheit wichtig sind.
Im Mittelpunkt des salutogenetischen Konzepts steht der Begriff des „Kohärenzgefühls“.
Damit ist eine Haltung gemeint, wie man vorhandene persönliche Ressourcen, Kompetenzen und
Eigenverantwortlichkeit stärken kann, um sie für die Erhaltung von Gesundheit und für eine konstruktive Gestaltung des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens effektiv nutzen zu können.

Gesundheit ist in diesem Zusammenhang kein passiver Zustand, sondern ein aktives und sich dynamisch regulierendes Geschehen.

 

Die Grundlagenforscher

Ein Forscher, der zu nachhaltigen Weichenstellungen in therapeutischen Konzepten beigetragen hat und der heute als Wegbereiter systemischer Therapiekonzepte gilt, war der Anthropologe Gregory Bateson.
In seinen frühen anthropologischen Studien in Neuguinea kam er zu dem Ergebnis, dass Menschen nicht einfach dominant oder unterwürfig, unterstützend oder abhängig, verrückt oder normal sind, sondern sich vielmehr in umfassenden Beziehungsmustern verhalten, die bestimmte „Eigenschaften“ erst hervorbringen.
Zum ersten Mal wurden menschliches Verhalten und die Ausprägung von Persönlichkeitsstrukturen im Rahmen von Beziehungssystemen diskutiert.

 

Heute weiß man, dass Menschen in jedem System – hier ist mit System allgemein die Gesamtheit interagierender Elemente gemeint – (sei es die Familie, das Team, die Firma, eine Organisation …) Rollen, Aufgaben und Funktionen übernehmen.
Die im System zugeschriebene Rolle bestimmt maßgeblich die Verhaltensmöglichkeiten und hat Einfluss darauf, als „wer“ man sich fühlt oder als „wer“ man von Anderen wahrgenommen wird.

 

Schon 1942 schrieb Bateson in „Moral und Nationalcharakter“ über den Menschen:

 

Sein Charakter ist an den Motiven und Mustern der Beziehungen
in der Gesellschaft ausgerichtet, in der er lebt.

 

Das entscheidende Element der Interaktion und Beziehungsgestaltung in jedem sozialen System ist die Kommunikation  (verbal oder nonverbal):

 

In der Kommunikation mit anderen und sich selbst formt sich die gesamte Art zu denken, zu fühlen und den Fluss der Wahrnehmungen zu interpunktieren heraus.
Und nur in der Kommunikation ist es möglich, die eigene Realität und das Selbst aufrechtzuerhalten.

 

Folgerichtig schrieb Bateson 1951 in „The Social Matrix of Psychiatry“ (zusammen mit dem Psychiater Ruesch) in Bezug auf die Anwendung im therapeutischen Bereich, dass das Ziel jeder Therapie die Neuregelung der Informationsverarbeitungsprozesse und der Wirklichkeitswahrnehmung des Klienten sein müsse.

 

Die Sicht auf die sogenannten „psychopathologischen Phänomene“ veränderte sich vollständig:

 

Ängste, Zwänge, Süchte usw. sind keine DINGE (z.B. Sie haben Borderline ), die man handhaben, verdrängen, konfrontieren, medikamentös behandeln usw. kann. All diese „Störungen“ sind vielmehr Prozesse, die in jedem Moment auf eine spezifische Art und Weise von den Betroffenen aktiv vollzogen werden müssen.

 

In Bezug auf das Verhältnis zwischen TherapeutIn und KlientIn begründet Bateson die „Kybernetik 2. Ordnung“, die das alte Denken, die „Kybernetik 1. Ordnung“ ablöst.
Während die „Kybernetik 1. Ordnung“ noch davon ausgeht, dass der Therapeut die Rolle eines unabhängigen und unbeteiligten Beobachters einnehmen könne, postuliert die „Kybernetik 2. Ordnung“, dass der Therapeut mit all seinen Erkenntnismöglichkeiten Teil des Systems, des therapeutischen Kontextes ist und somit an allen Aspekten des therapeutischen Prozesses als Person aktiv beteiligt ist.

 

Es gibt keine vom Beobachter
unabhängige Wirklichkeit.

 

Ausgehend von der Kybernetik 2. Ordnung sind weltweit in verschiedenen Bereichen natur- und geisteswissenschaftlicher Forschung Ideen entwickelt worden, die man heute gerne mit der Überschrift „Konstruktivismus“ versieht.

 

Als Vorreiter seien hier genannt:
der chilenische Biologe Humberto Maturana, der Informatiker, Biophysiker und Physiologe Heinz von Förster, der Soziologe Niklas Luhmann und der Psychotherapeut und Psychiater Paul Watzlawick.

 

Als erkenntnistheoretische Haltung steht der „Konstruktivismus“ für die Auffassung, dass das, was wir Wirklichkeit nennen, das Ergebnis einer subjektiven „Erfindung“ ist.
Es wird keinesfalls geleugnet, dass es eine Welt „dort draußen“ gibt. Vielmehr wird betont, dass uns diese Welt lediglich per Beobachtung, per sinnesspezifischer Wahrnehmung zugänglich ist.
Bislang war man von der Annahme ausgegangen, dass die Sinnesorgane die Welt 1 zu 1 abbilden, dass sie sozusagen die Tore des Gehirns zur Welt sind und dass alle Informationen durch diese Tore ungefiltert ins Gehirn gelangen.

 

Neue Erkenntnisse in der Gehirnforschung belegen allerdings, dass die spezifische Modalität der Sinnesorgane, auf der unsere Sinneswelt zu beruhen scheint, `hinter‘ den Sinnesorganen offenbar verschwunden ist, so der Neurobiologe Gerhard Roth.

 

Die Sinnesorgane übersetzen die ungeheure Vielfalt der Welt in die ‚Einheitssprache‘ der bioelektrischen Ereignisse.
Bei diesem Übersetzungsprozess geht das „Original“ verloren.
Die „Sprache“ des Nervensystems selbst ist bedeutungsneutral.
Weil aber im Gehirn der signalverarbeitende und der bedeutungserzeugende Teil eins sind, können die Signale nur das bedeuten, was entsprechende Gehirnteile ihnen an Bedeutung zuweisen:
Wahrnehmung ist Interpretation, ist Bedeutungszuweisung.

 

Gerade in persönlichen und sozialen Kontexten ist das Modell einer „objektiven Wirklichkeit“ längst überholt.
Persönliche und soziale Wirklichkeit wird als etwas Dynamisch – Prozesshaftes gesehen,
das ständig durch das Handeln und die Haltung von Menschen und durch deren darauf bezogene Interpretationen und Bewertungen produziert bzw. konstruiert wird.

 

Schon bei Epiktet heißt es:

 

Erfahrung ist nicht das, was mit einem Menschen geschieht.
Sie ist das, was ein Mensch aus dem macht, was mit ihm geschieht, und wie er das Geschehene bewertet.

 

Paul Watzlawick formuliert das so:

 

Wir leben in einer imaginären Wirklichkeit

 

Eine ethische Relevanz des konstruktivistischen Weltbilds liegt in der Bedeutung des Begriffs „Verantwortung“, die sich für jeden Einzelnen ergibt, wenn er zu der Einsicht gelangt, dass die Welt, wie er sie beobachtet, Resultat seiner Beobachtungsweise ist.

 

Dazu Heinz von Förster:

 

Man kann nicht mehr andere verantwortlich machen für das, was man sieht, denn man ist ja selbst derjenige, der diese Sicht konstruiert.
Die Menschen erhalten ihre Verantwortung in größtmöglichem Maße wieder zurück, können sie nicht an irgendeine übergeordnete Instanz oder irgendwelche äußeren Umstände abschieben. Sie werden Beteiligte.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle biographischen Erfahrungen, die ein Mensch gesammelt hat, – und deren Interpretation – die Grundlage bilden für die Bewertung einer gegenwärtigen Situation.
Entsprechend dieser Bewertungen werden „Innere Landkarten“ angelegt, die in der Zukunft Orientierung geben, um neue „subjektive Wirklichkeiten“ zu schaffen.

 

Lösungsorientierung versus Problemorientierung

Der problemorientierte therapeutische Ansatz wurzelt in alten europäischen Denktraditionen. Tiefenpsychologisches Denken ist so angelegt, dass man nach Ursachen, Gesetzmäßigkeiten, bzw. Erklärungsmodellen sucht, um Persönlichkeitsmerkmale, bzw. „abweichendes“ Erleben und Verhalten zu verstehen. Die Frage nach dem „Warum“ steht im Vordergrund.
Die Hoffnung bei dieser Arbeitsweise ist, dass die vormals ins „Unterbewusstsein“ verdrängten Erlebniskomponenten durch eine aufdeckende Vorgehensweise bewusst werden und damit eine Veränderung in der Haltung und dem Verhalten einhergeht.

 

Der lösungsorientierte Ansatz wurzelt im amerikanischen Pragmatismus.
Hier ist der Fokus der Aufmerksamkeit auf die Möglichkeiten effektiver Veränderung von problematischen Verhaltens- und Erlebensmustern gerichtet. Die Frage nach dem „Wie“ (der Veränderung) steht im Vordergrund.
Das methodische Repertoire zur lösungsbezogenen Initiierung und Begleitung von Veränderungs- bzw. Entwicklungsprozessen ist in den letzten Jahrzehnten sehr stark vorangetrieben worden.

 

In der heutigen, schnelllebigen Welt bietet ein rein problembezogener, vergangenheitsorientierter Ansatz nur noch eine mangelhafte Basis zur Lösung von Gegenwarts- und Zukunfts- Problemen:
Ein einseitiges „Starren“ auf die „in der Vergangenheit geprägten Muster“ absorbiert Energie, die dann für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben in Gegenwart und Zukunft fehlt. Schlimmstenfalls wirkt diepersönliche Bewertung des bewusst gemachten Musters wie eine Suggestion, die für eine Verfestigung des Musters, eine emotionale Untermauerung und deren Projektion in die Zukunft sorgt.

 

(Aus konstruktivistischer Sicht wirkt die Vergangenheit dadurch, dass wir in der Gegenwart darauf Bezug nehmen.
Insofern könnte man die Vergangenheit als eine prägnante Metapher für die Muster in der Gegenwart betrachten.)

 

Andererseits könnte die Bezugnahme auf die „aufgedeckten“ Muster für bestimmte Menschen eine stärkende Erkenntnis in dem Maße bedeuten, wie es gelingt, auf die Lernprozesse zu fokussieren und neue Weichenstellungen bei der Gegenwarts- und Zukunfts- Gestaltung vorzunehmen.

 

Ich plädiere hier für ein ausgewogenes „Sowohl – Als – Auch“, im Sinne einer zieldienlichen Nutzbarbarmachung von Ressourcen, also sowohl der gewonnenen Erkenntnisse als auch der Lösungskompetenz, sowohl für eine wertschätzende Beschäftigung mit dem Problemerleben, als auch mit einer Ausrichtung auf die Lösung.
Das auf Vergangenheitsbewältigung orientierte gegenwärtige Vorgehen muss dringend durch ein auf Zukunft und Lösung orientiertes ergänzt werden.

 

Anmerkung: Der Begriff „Lösung“ umfasst keinesfalls nur beglückende und jubeltönende Zustände. Er ist hier wortwörtlich zu verstehen, in dem Sinne, dass sich etwas löst.
Die Annahme von Verantwortung für ein Verhalten oder Erleben in einem bestimmten Kontext kann z.B. eine Lösung sein, auch wenn darin emotional eher unangenehme Aspekte enthalten sind.


 

Die Pioniere des Lösungsorientierten Ansatzes

In den letzten Jahrzehnten haben sich Pioniere im Bereich der Psychotherapie auf den Weg gemacht, den ausschließlichen Problemfokus der alteingesessenen Therapieformen zu verlassen und Methoden des Lösungsbezuges zu entwickeln.

 

Im Rahmen dieser Erörterung werde ich mich auf einige zentrale Persönlichkeiten und ihre Kernaussagen beziehen.

 

Virginia Satir (1916-1988) ist die Begründerin der „Conjoint Family Therapie“.
Sie hat im Laufe ihrer langjährigen therapeutischen Arbeit und ihrer Lehrtätigkeit ein vielschichtiges Konzept psychosozialer Intervention entwickelt, in dem sowohl körperliche Aspekte, innerpsychische Prozesse (intellektuelle, emotionale, sinnliche), persönliche Prozesse der Informationsverarbeitung, als auch Interaktions- und Kommunikationsstrukturen Berücksichtigung finden.
Ihre Arbeit zeichnete sich aus durch ein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen, durch Humor, menschliche Wärme, Zielbewusstheit und Kreativität und durch eine große Wachsamkeit für zwischenmenschliche Interaktionsprozesse.
Sie hatte die Fähigkeit, sehr schnell ein tragfähiges Vertrauensverhältnis zu Menschen aufzubauen.
Über ihrem Tun stand eine zutiefst empfundene Wertschätzung allen Lebens.

 

Die Überzeugung von der Einzigartigkeit und Schönheit jedes einzelnen Menschen hat den Charakter der psychotherapeutischen Beziehung verändert. Die Hierarchie zwischen Therapeut und Klient wird zu einer Ich – Du – Beziehung, und diese menschliche Verbindung hilft dem Klienten, mit seiner Lebenskraft in Berührung zu kommen.
Sie begegnete ihren Klienten als Gleiche unter Gleichen in einer grundlegend akzeptierenden Haltung. Sie verzichtete ganz bewusst darauf, das Verhalten des Klienten zu bewerten. Einen Expertenstatus lehnte sie ab.

 

Einige Grundüberzeugungen von Virginia Satir:

 

  • Wachstumsorientierte Therapie fokussiert auf Gesundheit und Wahlmöglichkeiten anstatt auf Pathologie, fokussiert auf Erweiterungsmöglichkeiten anstatt auf Fehler.
  • Menschen sind grundsätzlich gut. Damit sie sich mit ihrem eigenen Selbstwert verbinden können, brauchen sie Zugang zu ihrem inneren Selbst, zu ihren Stärken.
  • Jeder Mensch verfolgt mit seinem Verhalten positive Absichten. Egal wie verurteilenswert das Verhalten ist,
    es ist gleichzeitig eine Einladung, sich auf die Suche nach den dahinter liegenden Motiven zu machen.
  • Menschen haben alle notwendigen Ressourcen, um wachsen zu können.
  • Die Vergangenheit ist nicht veränderbar, doch deren heutige Auswirkungen.
  • Frühe (negative) Prägungen können verändert werden durch neue Erfahrungen.
  • Individuelle Veränderungen müssen mit den Kontextbedingungen abgestimmt werden.
  • Gesunde menschliche Beziehungen beruhen auf Gleichwertigkeit.
  • Hoffnung ist ein signifikantes Element für Veränderung.

 

Milton Erickson (1901-1980) war Arzt und Psychologe und hat durch sein Lebenswerk lösungsorientierte Therapieansätze nachhaltig mitgeprägt. Sein Interesse lag so sehr in der Aktivierung von Veränderung, dass er Diagnostik immer mehr vernachlässigte und im Laufe der Jahre eine atheoretische Haltung einnahm. Er lehnte umfassende Persönlichkeitstheorien strikt ab.
Solche Theorien waren seiner Meinung nach nicht nur schädlich für den Klienten, sie schränkten auch die Bandbreite der Verhaltens- und Denkmöglichkeiten der Therapeuten ein.
Sein kooperativer Arbeitsstil als Hypnosetherapeut, der in krassem Gegensatz zu dem damals (und heute ?) üblichen „autoritären“ Ansatz stand, war gekennzeichnet von der Flexibilität, sich auf jeden Menschen neu einstellen zu können und sich in seinen therapeutischen Interventionen an den Bedürfnissen und Zielen der Klienten zu orientieren.

 

Ein zentrales Prinzip der Psychotherapie Ericksons war das der „Utilisation„:
Er verstand darunter die zieldienliche Nutzbarmachung von hilfreichen Aspekten aus dem subjektiven Modell der Welt des Klienten.
Utilisation bezieht sich auf eine Vielzahl von Aspekten aus dem Bezugsrahmen des Klienten:

 

  • die Haltung
  • die Denk- und Fühlmuster
  • die Lebens – Kontext – Bedingungen
  • die systemische Dynamik
  • Sternstunden
  • Stärken, Erfolgserlebnisse, Fähigkeiten, Qualitäten
  • Werte und Überzeugungen
  • Selbstbilder
  • Erfahrungen von Gemeinschaft und Zugehörigkeit

 

Mit diesem Ansatz, der einen Kontrapunkt zum analytischen Modell setzte, zeigte Erickson sogar die Nutzbarmachung von so genannten „Widerständen“.
„Widerstand“ war nun nicht mehr ein „heilungsverhinderndes Phänomen“, sondern konnte aus dem Wissen heraus, dass Resistenz vor allem ein „interaktionsbedingtes Phänomen“ war, direkt zur Lösung von Problemen oder für eine Trance – Induktion verwendet werden. Auch an anderer Stelle nahm Erickson eine deutlich andere Haltung ein.
So widersprach er vehement der Freud´schen Konzeption des „Unbewussten“.
Während Freud glaubte, dass das „Unbewusste“ ein Bereich für verdrängtes Material, eine Art „Sondermülldeponie“ für seelische Auslagerungen ist, war das „Unbewusste“ für Erickson ein Bereich, der zum einen dem „Bewussten“ weit überlegen war und zum anderen eine ganze Menge an Lernerfahrungen, Ressourcen und persönlichen Kompetenzen enthielt.

 

In der Ausbildung von Therapeuten legte Erickson großen Wert darauf, nicht nur therapeutische Techniken zu vermitteln, sondern Flexibilität und die innere Freiheit zu trainieren, das tun zu können, was in einem spezifischen Fall angemessen erscheint.

 

Einige Grundüberzeugungen von Milton Erickson:

 

  • Interpretation (eines Erlebens beim Klienten) ist eine absurde Reduktion einer komplexen Kommunikation.
  • Der bewusste Verstand ist sehr klug und weise, doch das Unbewusste ist um ein vielfaches weiser.
  • Die Bedeutungsgebung von Erfahrung ist eine hypnotische Induktion mit allen physiologischen, gedanklichen und emotionalen Folgen.
  • Die Würde des Menschen liegt in seiner Einzigartigkeit.
  • Alle Ressourcen für Veränderung sind bereits vorhanden.
  • Zukunftsimaginationen sind hilfreich, wenn sie in Bezug zu Bedürfnissen in der Gegenwart stehen.
  • Fokussierung von Aufmerksamkeit auf das gewünschte Erleben (Future Pace) unterstützt die Effektivität des Prozesses.
    Dabei hilft besonders die Aktivierung von unwillkürlichem Erleben.
  • Menschen verändern sich vor allem durch Erfahrungen. (mit sinnesspezifischen Inhalten)

 

Steve De Shazer war ein Schüler Milton Ericksons und einer der ersten, die die von Erickson dokumentierten berühmten 7oo Fälle studierten. Er übernahm einige Grundhaltungen und filterte aus den Studien ericksonischer Arbeit die Aspekte heraus, die heute unter dem Namen „Solution Focussed Therapie“ weltweit bekannt sind.

 

Die Orientierungspunkte seiner Arbeit sind bis heute:

 

  • die grundlegende Akzeptanz und Wertschätzung des Klienten
  • die Utilisation von therapierelevanten Aspekten aus dem Klientensystem
  • die Fokussierung auf Kompetenzen, Fähigkeiten und Lösungen
  • das Erkunden von „Ausnahmen“ vom Problemerleben

 

Die Systematisierung seiner therapeutischen Fälle hat gezeigt, dass die Beschwerde des Klienten fast immer den Wunsch beinhaltet, von etwas befreit zu werden, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie das zu bewerkstelligen ist.
Deshalb wird jeder Unterschied im Verhalten, Denken, Fühlen, Wahrnehmen im Kontext dafür genutzt, einen Unterschied zu machen, (der einen Unterschied macht), der zur Lösung der Beschwerde führt. Jede Art von Unterschiedsbildung verdeutlicht die Veränderbarkeit von Erlebniszuständen.

 

De Shazer nutzt in seiner Arbeit ganz konsequent das von Erickson entwickelte Konzept des „Future Pacing“, das ursprünglich, angelehnt an analytisches Denken, „Pseudoprojektion“ hieß.

 

Sie können sich erlauben, mit Ihrer Aufmerksamkeit zu einem Punkt in der Zukunft zu gehen, von dem aus Sie zurückschauen können …
frei nach Erickson

 

De Shazer kreierte daraus die „Wunderfrage“, mit der er die Klienten dazu einlädt, die Aufmerksamkeit auf eine Zeit zu richten, in der das geschilderte Problem bereits gelöst ist, ohne zu wissen, wie dieser Prozess der Problem – Lösung zustande gekommen ist und ohne zu wissen, wie er verläuft. Es geht hier um eine Fokussierung auf das gewünschte Ergebnis.

 

Diese Vorwegnahme einer veränderten (erfüllten) Zukunft bzw. einer fiktiven Wirklichkeit hat emotionale und physiologische Auswirkungen, die wiederum für eine Lösungsentwicklung utilisiert werden können.

 

Ein weiterer interessanter Aspekt von De Shazers Arbeit war die Erkenntnis, dass in einer Zeit, in der es ständig um Veränderung geht, das „Gute und Erhaltenswerte“ oft in Vergessenheit gerät.

 

Deshalb formulierte er eine „Standardaufgabe“, die er den Klienten nach der ersten Sitzung mitgab:

 

Bis zur nächsten Sitzung beobachten Sie bitte und beschreiben uns dann,
was in Ihrem Umfeld so abläuft, dass Sie der Meinung sind, es soll so bleiben.

 

Die Liste interessanter Persönlichkeiten könnte fortgesetzt werden.
Viele ehemalige Schüler von Virginia Satir und von Milton Erickson haben eigene Therapieschulen gegründet, und die Grundpositionen einer lösungsorientierten Psychotherapie entsprechend ihrer Persönlichkeit und den jeweiligen Erkenntnissen weiterentwickelt.
Es ging mir hier lediglich darum, einige wichtige Aspekte einer modernen Psychotherapie am Beispiel Satir, Erickson und De Shazer darzustellen.


 

Strukturelemente einer modernen Psychotherapie

Jenseits von Interventionsformen und deren Sinnhaftigkeit, möchte ich an dieser Stelle einige Punkte hervorheben, die ich als Voraussetzung für jegliches therapeutisch / beraterisches Tun ansehe:

 

  • Klienten brauchen die volle Akzeptanz und Wertschätzung ihrer Person und ihres Erlebens
  • Jede Intervention muss im Einklang mit den Vereinbarungen sein, die zwischen Therapeut und Klient bzgl. Aufträgen und Zielen getroffen werden
  • Therapeuten brauchen
    – ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten,
    – individual- und systemtherapeutische Kompetenzen (Menschen sind als Individuen und als Teil eines Systems zu sehen),
    – Flexibilität im professionellen Umgang mit den Wirklichkeitskonstruktionen des Klienten
    – die Fähigkeit, Botschaften des Klienten zu utilisieren

 

In jeder Therapiesitzung geht es um eine Vielzahl von Informationen und Details auf verbaler und körpersprachlicher Ebene.
Die nachfolgenden Fragen und Erläuterungen dienen der Strukturierung und orientieren sich an den zentralen Elementen einer kooperativ gestalteten und problem- lösungs- ausgerichteten Therapiesitzung:


Symptombeschreibung und signifikante emotionale Erfahrungen des Klienten:

  •  Wie nimmt der Klient das Problem wahr, wie schildert er das Problem ?
  • Wie sind Körpersprache und Worte miteinander verknüpft ?
  • Welche Werte und Überzeugungen werden genannt ?
  • Welche Identitäts- oder Zugehörigkeitsaussagen gibt es ?
  • Welche Auswirkungen hat die Symptomatik (innerlich und auf andere Personen ?
  • Wem und auf welche Weise schadet das Problem ?
  • Wem und auf welche Weise nutzt das Problem ?
  • Aus welchen anderen Lebenskontexten kennt der Klient das Problemerleben ?
  • Welche Überzeugungsmuster, welche Denk- und Fühl- Muster stehen dahinter ?
  • Welche Konflikte (innere und äußere Muster) stehen dahinter ?
  • Welche problemstabilisierenden Strategien werden beschrieben ?
  • Was würde fehlen, wenn das Problem nicht mehr existiert ?
  • Welche positiven Funktionen / Absichten stehen hinter der Symptomatik ?
  • Welche Ausnahmen vom Problemerleben beschreibt der Klient ?
  • Welche Beschreibungen enthalten Lösungsversuche ?

 

Auftragsvereinbarungen

Bei der Auftragsklärung wird herausgestellt, welche Inhalte auf welche Weise zwischen Therapeut und Klient bearbeitet werden.
Daraus resultieren Vereinbarungen, die zum einen die Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen des Klienten und zum anderen die therapeutischen Interventionsangebote beinhalten. Zentral hierbei ist das beidseitige Einvernehmen über die Vorgehensweise.
Zum therapeutischen Know how gehört die Flexibilität, bereits bestehende Therapieaufträge und
formulierte Ziele ggf. neu zu justieren, zu verfeinern oder in Absprache mit dem Klienten zu verändern.

 

  • Welche Aufträge formuliert der Klient ?
  • Was soll auf alle Fälle so bleiben, wie es ist ?
  • Welche Veränderungen sind gewünscht ?
  • Welche Hinweise gibt es auf verdeckte Aufträge ?
  • Welche anderen Aufträge stehen im Raum ?
  • Welche Widersprüche gibt es bei den bestehenden Aufträgen?
  • Welche Aufträge sind annehmbar, welche nicht ?

 

Ziele

Man weiß heute, dass Veränderung und Entwicklung effektiver geschieht, wenn der Prozess auf die Verwirklichung von Wünschen, Sehnsüchten und Zielen ausgerichtet ist.
Zielformulierungen dienen dazu, einen Horizont für neue Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu öffnen.
Der Therapeut unterstützt den Klienten dabei, eine Zielbeschreibung zu finden, die deutlich sichtbare physiologische Reaktionen zur Folge hat. Es ist sinnvoll, die Zielbeschreibungen des Klienten in Bezug auf die dahinter liegenden Werte und Motive zu hinterfragen und dann deren Konkretisierung zu thematisieren.

 

  • Was will der Klient erreichen ?
  • Welche Veränderungen sind gewünscht ?
  • Welche Hoffnungen und positiven Erwartungen sind vorhanden ?
  • Welche Hinweise gibt es auf das „gewünschte Erleben“
  • Wofür ist das genannte Ziel wichtig ?
  • Was erreicht der Klient dadurch ?
  • Welche Werte und Überzeugungen stehen dahinter ?
  • Woran würden Sie merken, dass Sie das Ziel erreicht haben ?
  • Woran würden Andere es merken ?
  • Welche Auswirkungen wird es haben, wenn das Ziel erreicht ist ?

 

Ziele können durchaus unspezifisch formuliert sein.
Das schafft Raum für kreative Prozesse, in denen sich neue Perspektiven eröffnen.
Letztendlich ist eine günstige Zielbeschreibung eine Beschreibung in Verhaltens- bzw. Erlebens- Termini.

 

Ressourcenaktivierung

Oftmals haben Klienten, wenn ihre Aufmerksamkeit vom Problemerleben absorbiert ist, keinen Zugang zu ihren Stärken und persönlichen Kompetenzen. Es besteht dann die Tendenz, Probleme zu verdinglichen und zu verallgemeinern, so als gäbe es nur noch das Problem.
Pathologisierende Diagnosen verstärken – wie schon gesagt – den Problemfokus und stabilisieren das Problemerleben.

 

Yvonne Dolan, eine weltweit renommierte Psychotherapeutin und Schülerin von Milton Erickson hat sich spezialisiert auf die Behandlung von Vergewaltigungsopfern und schwer traumatisierten Menschen.
Sie selbst wurde in ihrer Kindheit und Jugend mehrmals vergewaltigt und misshandelt.
In ihren Seminaren erzählt sie gerne folgende Geschichte:

 

Einige Jahre meiner Jugend verbrachte ich bei einer Tante in einem Haus an einem großen See. In der Mitte des Sees befanden sich große rostige Tanks, die sehr hässlich aussahen. Lange Zeit sah ich in den rostigen Tanks die Hässlichkeit des Lebens und meiner eigenen Biographie.
Mit der Zeit lernte ich aufzuhören, immer nur diese Tanks anzustarren. Ich entdeckte die Schönheit des Sees.

 

Steve de Shazer hat in den ersten Jahren seines therapeutischen Schaffens eine sehr einfache Beobachtung gemacht:

 

Es gibt bei jedem Menschen Ausnahmen vom Problemerleben.

 

Wenn man den Klienten einlädt, für einen Moment die Aufmerksamkeit auf eine Ausnahmesituation zu richten,
erreicht man sehr schnell Veränderungen.

 

Der Effekt ist ebenso einfach wie die Beobachtung an sich:

 

  • Die Einflussfaktoren für „Problem“ bzw. für „Ausnahme vom Problem“ werden deutlich
  • Die Unterschiede im Denken, Fühlen und Verhalten werden erkennbar
  • Die Erkenntnis: „ich bin sehr wohl in der Lage, schwierige Situationen zu meistern“ stärkt
    die eigenverantwortliche Handlungskompetenz

 

Das Erleben von „Ausnahmesituationen“ und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen lassen sich
hervorragend für die Gestaltung von Lösungsszenarien nutzen (s. Utilisation).

 

Ich halte es heute für eine ethische Verpflichtung von Therapeuten, neben der Fokussierung auf das Problem auch eine ressourcenorientierte Sicht und Haltung einzunehmen, um ihre Klienten darin zu unterstützen, sie zu ermächtigen, ein eigenverantwortlich gestaltetes und erfülltes Leben führen zu können.

 

Es geht also um folgende Fragen:

 

  • Welche Stärken hat der Klient ?
  • Was kann der Klient gut ?
  • Welche Kompetenzen sind vorhanden ?
    (und auch in der Aufrechthaltung von Problemmustern liegt Kompetenz, die man für Lösungen nutzen kann)
  • Welche positiven Werte sind vorhanden, die Orientierung und Stärkung geben ?
  • Wodurch ist eine Veränderungsbereitschaft motiviert ?
  • Welche Überzeugungen haben bisher dazu geführt, dass
    – das Schlimmste verhindert wurde ?
    – eine gewisse „Normalität“ gewahrt wurde ?
  • Welche positiven Erfahrungen haben wichtige Ressourcen vermittelt ?
  • In welchen Situationen gibt es welche inneren Selbstbestätigungen, Selbst – Wertschätzungen ?
  • Welche positiven Aspekte von „Selbstbild“ sind vorhanden ?
  • Was ist gut an dem, wie es ist ?

 

 

Lösungsgestaltung

Lösung ist hier in dem Sinne zu verstehen, dass sich etwas löst.
Klienten haben, bevor sie einen Therapietermin vereinbaren, höchstwahrscheinlich eine Reihe von
Lösungsversuchen gestartet, die entweder gescheitert sind oder nicht das gewünschte Ergebnis gebracht haben.

 

Manchmal stellt die spezifische Ausprägung eines Problemerlebens einen Lösungsversuch dar in Bezug auf ein dahinter liegendes Thema: So kann z.B. ein Klient eine ausgeprägte „Angst – Sympomatik“ entwickeln, mit der Konsequenz, sich von der Außenwelt abzuschotten, nur um sich vor Verletzungen und vermeintlich bedrohlichen Einflüssen zu schützen.
Auch körperliche bzw. psychosomatische Phänomene enthalten „Lösungsversuche“.

 

In diesem Zusammenhang kann sogar eine Problemorientierung ressourcevoll sein, wenn sie aus einer kompetenzorientierten Haltung des Therapeuten heraus geschieht.
Wichtig dabei ist, dass sie dem Klienten eine wertschätzende Sicht des eigenen Erlebens vermittelt,
die die im Problem und die in der Aufrechterhaltung des Problems gebundene Energie und Stärke würdigt.
Lösungsversuche geben Rückmeldung über die Art und Weise, wie und in welchen Mustern der Klient denkt und dem Erlebten Bedeutung gibt. Es ist also sinnvoll, nach bisherigen Lösungsversuchen zu fragen:

 

  • Für welchen Bezugsrahmen stellt das Problemerleben einen Lösungsversuch dar?
  • Welche Aspekte des Problemerlebens enthalten Lösungsansätze ?
  • Welche Lösungsversuche sind bisher bewusst vom Klienten ausprobiert worden ?
  • Was hat sich am meisten bewährt, was am wenigsten ?
  • Auf welche Weise ist der Klient in früheren Situationen konstruktiv mit ähnlichen Problemkonstellationen umgegangen ?
  • Welche Einflussfaktoren gab es damals, welche heute ?
  • Was hat der Klient bisher aus seinen Erfahrungen gelernt ?
  • Woran würde der Klient merken, dass eine für ihn gute Lösung erreicht ist ?
  • Welche Kriterien müsste eine Lösung erfüllen ?
  • Was muss eine Lösung auf jeden Fall beinhalten, was darf sie auf keinen Fall beinhalten ?
  • Welche Überzeugungen gibt es für zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion ?

 

Der Entwurf von Lösungsszenarien macht nur dann Sinn, wenn die Lösungen auf ihre Realisierungsmöglichkeiten hin überprüft werden:

 

  • Welche Kontextbedingungen braucht die Lösung ?
  • Was macht der Klient konkret, wenn das Problem gelöst ist ?
  • Wie werden andere Menschen (z.B. im Familienkontext) auf die Veränderungen reagieren ?
  • Wie geht der Klient mit den Reaktionen um ?
  • Wer könnte die gewünschten Veränderungen verhindern ?
  • Wer könnte sie unterstützen ?
  • Wie geht der Klient damit um ?

 

 

Das neue Problem – Lösungs – Denken

In der modernen Hypnotherapie hat Steven Gilligan, ein Erickson – Schüler, die Begriffe „Problemtrance“ und „Lösungstrance“ geprägt.

 

„Trance“ wird hier verstanden als ein Zustand fokussierter Aufmerksamkeit, bei dem durch äußere und/oder innere Auslöser unwillkürliches, assoziiertes Erleben (es geschieht von selbst) induziert wird.

 

Problemerleben, so wie es von den meisten Klienten geschildert wird, erfüllt genau diese Kriterien:
es geschieht unwillkürlich, d.h. es besteht im Denken des Klienten keine bewusste Einflussmöglichkeit, und ist durch absorbierte Aufmerksamkeit (im Problem) charakterisiert.

 

Die therapeutische Zielrichtung, für die hier geworben wird, beinhaltet die Wertschätzung der subjektiven Landkarten des Klienten, die Würdigung der „Problemtrance“ als für den Klienten bestmögliche Art, mit den Gegebenheiten umzugehen, und die Unterstützung bei der Beschreibung von Ziel- und Lösungsaspekten und dem Erleben einer „Lösungstrance“.

 

Ein zweiter Aspekt, der die Grundannahmen Batesons verdeutlicht, ist folgender:

Probleme werden nur als Probleme wahrgenommen, wenn internal (und das kann auch bedeuten, durch äußere Einflüsse „angeregt“) eine Unterschiedsbildung vorgenommen wird, wenn es also eine wahrnehmbare Diskrepanz zwischen dem Gegenwartserleben und dem gewünschten Erleben gibt.

De Shazer formuliert das kurz und knapp:

 

Ein Problem ist nur ein Problem, wenn es einen Unterschied macht

 

Logischerweise geht es im therapeutischen Setting um eine bewusste Unterstützung des Klienten bei einer aktiven Bildung von hilfreichen Unterschieden.

 

Jeder Veränderungs- bzw. Entwicklungsprozess braucht die Nutzbarmachung der vorhandenen Ressourcen / Stärken / Kompetenzen des Klienten. Nur so kann Veränderung effektiv gelingen.

 

In der therapeutischen Gegenwartslandschaft liegt der Schwerpunkt immer noch auf Vermeidung und Beseitigung von „Krankheit“.
Dieses Denken und das dahinter liegende Menschenbild bedürfen dringend einer Korrektur in der Art, dass therapeutische Prozesse die Einflussfaktoren des sozialen Umfeldes der Klienten einbeziehen und auf Ressourcen und Lösungen ausgerichtet werden.

Bei diagnostischen Maßnahmen (diagnoskein: genau untersuchen, erkennen, unterscheiden)
muss der noch vorhandene ausschließliche Problemfokus dringend ergänzt werden durch eine
Fokussierung auf die Wünsche und Ziele der Klienten.

 

Es spricht für sich, dass in Deutschland bis zum heutigen Tage lediglich 2 therapeutische Verfahren
(nämlich diejenigen mit Problemfokus) Anerkennung gefunden haben, während auf Europaebene mittlerweile 15 therapeutische Disziplinen (und zwar alle, die in den letzten 4-5 Jahrzehnten entwickelt wurden) als „wissenschaftlich fundierte Psychotherapieverfahren“ gelten.

NEUROLINGUISTISCHES PROGRAMMIEREN

NEUROLINGUISTISCHES PROGRAMMIEREN
Über den (Un) Sinn einer Namensgebung

 

Als Neurolinguist beschäftige ich mich tagtäglich, in der Arbeit mit KlientInnen und AusbildungsteilnehmerInnen, mit der sprachlichen Codierung von Erfahrung.

 

Wir wissen, dass Erfahrung nicht eins zu eins in Sprache übersetzt werden kann.
Die Linguistik beschreibt 3 Kategorien, die modellhaft verdeutlichen, wie Erfahrungswerte gefiltert und „komprimiert“ in Form von Sprache formuliert werden:

 

  • bestimmte Aspekte werden weggelassen
  • andere werden verallgemeinert
  • Zusammenhänge und Verknüpfungen mit anderen Erfahrungen werden gebildet

 

Sprache ist aber nicht nur eine Ausdrucksform von Erfahrung, sie wirkt auch wiederum erfahrungsinduzierend.

 

In der therapeutischen Praxis ist dieses Phänomen sehr gut zu beobachten:
verallgemeinernde, meist in Ursache – Wirkungs – Zusammenhänge gekleidete Beschreibungen von Problemerleben, verstärken die „Problemtrance“.

 

Was drückt nun der Name NEUROLINGUISTISCHES PROGRAMMIEREN aus und wie wirkt er ?

 

PROGRAMMIEREN ist ein Verb und drückt somit eine Tätigkeit aus.
Zu jedem Vorgang des Programmierens gehört jemand, der programmiert, und etwas oder jemand, der oder die programmiert wird.

 

Diese Informationen nach dem WER und nach dem WEN oder WAS sind hier getilgt.

 

Richard Bandler, einer der Mitbegründer des NLP, hat einmal großen Wert darauf gelegt, sich selbst und die Absolventen seiner Ausbildungsgruppen als NEUROLINGUISTISCHE PROGRAMMIERER zu bezeichnen.
Die Frage nach dem WER wäre also somit geklärt, und die Frage nach dem WEN oder WAS ergäbe sich logischerweise aus dem Betätigungsfeld der NLPler: Kommunikationssituationen aller Art.
Folgerichtig wären es also die Gesprächspartner, KlientInnen usw., die programmiert werden.

 

Und genau an diesem Punkt ist die Angst vieler Menschen vor Manipulation begründet:
Das PROGRAMMIEREN im Titel lädt ja förmlich dazu ein, in Manipulationsassoziationen hinein zu gehen.

 

Wenn man sich Bandler´sche Manuale ansieht, z.B. das über Hypnose, könnte man fast glauben, das wäre auch genauso gewollt.
Geht es doch dort u.a. darum, möglichst trickreich „geniale“ Suggestionen beim Klienten zu platzieren.

In den letzten 21 Jahren, in denen ich als NLP – Lehrtrainer Ausbildungen anbiete,
haben Interessenten vielfach ihre Sorge, bezogen auf Manipulation, artikuliert, und zwar vor allem dergestalt, dass sie befürchteten, dass mit ihnen etwas gegen ihren Willen gemacht werden würde.

 

Die formulierten Befürchtungen in Bezug auf NLP erinnern mich an Befürchtungen, die in Bezug auf Hypnose geäußert werden.

 

Doch die Befürchtungen und Ängste sind lediglich eine Seite der Medaille.
Auf der anderen Seite weiß man, dass vermeintliche Manipulationswerkzeuge eine ungeheure Faszination auf Menschen ausüben können.

 

Wenn nun beide Seiten in einem Menschen vereint sind, und dieser Mensch sich mit diesen gegensätzlichen Anteilen in Therapie oder Beratung begibt, entsteht eine paradoxe Situation:

 

Einerseits wünscht der/die KlientIn, dass Veränderungs- oder Heilungsimpulse von aussen kommen, ohne dass er dafür Verantwortung zu tragen braucht, und andererseits fürchtet er/sie die Macht des/der TherapeutIn.

 

In dieser Situation hilft erstmal ein offenes transparentes Gespräch, bei dem Vereinbarungen über die Art der Zusammenarbeit im therapeutischen Kontext getroffen werden.

 

In der historischen Entwicklung der Hypnose hat es entsprechend den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen unterschiedliche Ansätze gegeben.

 

Der Ansatz, den die meisten Laien (aber nicht nur die) heute noch mit Hypnose verbinden, ist bekannt als der autoritäre Ansatz. Er ist charakterisiert durch folgende Aspekte:

 

Das Unbewusste wird als eine Art „tabula rasa“ gesehen, in die Suggestionen eingepflanzt werden.

 

  • Der Hypnotiseur hat Macht über den/die KlientIn
  • Der Klient trägt keine Eigenverantwortung,
    sondern hat sie an den Experten (den/die TherapeutIn) abgegeben
  • Die Einzigartigkeit des/der KlientIn findet keine Berücksichtigung

 

Wie oben schon angedeutet, hat die Hypnose eine Entwicklung vollzogen, so dass man heute vom kooperativen Ansatz spricht.

 

Diese Kooperation im Kontakt zwischen KlientIn und TherapeutIn ist gekennzeichnet durch das Wissen um

 

  • die Einzigartigkeit und Eigenverantwortlichkeit des/der KlientIn
  • die Autonomie des Klienten- und des Therapeuten- Systems
  • die Wichtigkeit der Akzeptanz und Würdigung (auch Angleichung)
  • die Wichtigkeit von Flexibilität in der Beziehungsgestaltung
  • Utilisationsmöglichkeiten

 

Die Begründer des NLP waren allesamt Schüler von Milton Erickson, dem Begründer der modernen Hypnotherapie.

 

Schaut man sich den geistigen Nährboden und die davon abgeleiteten Grundannahmen des NLP an, so erkennt man nicht nur deutlich die erickson`sche Haltung, sondern auch die Ideen des sozialen Konstruktivismus:

 

  • Jeder Mensch ist einzigartig
  • Wirklichkeit ist nicht objektiv, sie entsteht im „Auge des Betrachters“
  • Jeder Mensch hat ein eigenes Modell von der Welt
  • Je nach dem, wie ein Mensch ein Ereignis bewertet, je nach der Art der Bedeutungsgebung, konstruiert er seine persönliche Realität
  • Menschen reagieren nicht auf Ereignisse an sich,
    sondern auf die eigenen inneren Interpretationen der Ereignisse

 

Diese Liste mit konstruktivistischem Gedankengut könnte weiter fortgesetzt werden.
Jedem NLPler sind diese Sätze bekannt.

 

Wenn man sie ernst nimmt, könnte man daraus ableiten, dass in Kommunikationssituationen unterschiedliche Welten miteinander in Kontakt kommen. Soll es in diesem Kontakt um Verstehen der subjektiven Realitätskonstruktionen des Gesprächspartners gehen
– und dies gilt insbesondere für den Beratungs- und Therapiekontext – müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein:

 

  • man braucht Interesse, und die Offenheit der Sinne, die andere Person in ihrer
    Individualität, mit ihren Werten, Überzeugungen und Kompetenzen kennen zu lernen
  • man braucht eine wertschätzende Grundhaltung, in der die subjektiven Landkarten
    des Anderen akzeptiert und gewürdigt werden
  • man braucht die Bereitschaft, sich auf eine Weltsicht einzulassen, die anders ist als die eigene, in der es andere Assoziationen gibt, und in der Assoziationen anders miteinander verknüpft sind als in der eigenen

 

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, können entsprechend den Vereinbarungen und Verträgen, unterstützende Angebote für gewünschte Veränderungen gemacht werden.

 

In der erickson`schen Therapie gibt es einen zentralen Begriff: UTILISATION

 

Utilisation bezeichnet eine zieldienliche Nutzbarmachung von Aspekten aus dem Klientensystem.
Im NLP ist dieser Ansatz aufgegriffen worden in der Idee des Pacing/Leading.

 

Utilisation bezieht sich auf:

 

  • die Haltung des/der KlientIn (Körperhaltung, Gesten, kinästhetische Anker)
  • die Werte und Überzeugungen des/der KlientIn
  • Was er/sie mag und was nicht
  • Denk- und Fühlmuster
  • Strategische Aspekte (Mikro und Makro)
  • Die systemische Dynamik
    (wie ein/eine KlientIn eingebunden ist in systemische Zusammenhänge)
  • Ressourcen und Kompetenzen

 

Die von Ericksson dokumentierten Fälle sind verwurzelt in diesem Utilisationsansatz.
Was immer du an Informationen hast, erlaube es, dir sie zu nutzen …

 

Für Jeff Zeig ist dieser Ansatz

 

eine Philosophie der Effizienz.

Sie macht die Therapie experimentell und erfinderisch und ist die Grundlage für Lösungen.
Wir sagen den Menschen nicht, was sie denken, fühlen und tun sollen.

 

Im NLP gibt es reichhaltiges Repertoire von Utilisationsmethoden.

 

Nur – was hat das mit PROGRAMMIEREN zu tun ?

 

Meiner Meinung nach ist dieses PROGRAMMIEREN irreführend, weil es die Methodenfülle und die darin enthaltene Vielseitigkeit und Kreativität in den Dienst eines einseitigen Leading – Prozesses stellt. Die schöpferischen Möglichkeiten wirken dadurch ärmlich kanalisiert und gebremst.

 

In den letzten Jahren haben sich im Übrigen viele Kollegen mit der offiziellen Übersetzung dieses P schwer getan. Bei einigen wird es übersetzt als PROZESSARBEIT, in meinem Institut hat die Übersetzung PSYCHOLOGIE seit einigen Jahren Bestand.

 

Am einfachsten allerdings haben es diejenigen, die NLPt anbieten.
NEUROLINGUISTISCHE PSYCHOTHERAPIE ist glücklicherweise von diesem PROGRAMMIEREN befreit.

Hypnotherapie 2

Hypnotherapie 2

 

In der hypnotherapeutischen Fachwelt werden unter „Hypnose“ alle Kommunikations- und Interaktionsprozesse verstanden, die rituell eingesetzt werden, um bestimmte Erlebnis- und Bewusstseinszustände anzuregen, die allgemein als Trance – Zustände bezeichnet werden.

 

Trance – Phänomene werden in unserer Kultur üblicherweise beschrieben als Zustände tiefer Entspannung und nach innen gerichteter Aufmerksamkeit.
In diesem Verständnis ist die nach außen bezogene Aufmerksamkeit und Alltagswirklichkeit ausgeschaltet.
Mit geschlossenen Augen ist der Klient abwesend von der äußeren Realität. Um die Trance auszuleiten braucht es eine Reorientierungsphase im Sinne eines Umschaltprozesses auf Wachbewusstsein und Wahrnehmung der Alltagswirklichkeit.

 

Anthropologische und ethnologische Studien zeigen, dass seit mindestens 10 000 Jahren in allen Kulturen Trance – Phänomene im Kontext von Heilungsritualen und religiösen Zeremonien genutzt wurden.
Trance – Rituale dienten einem Ziel und hatten von daher sehr unterschiedliche Gestaltungsformen.
Im Zeitalter der Jäger- und Sammler- Kulturen ging es weniger um Entspannungszustände.
Vielmehr wurden Formen der dynamischen Interaktion mit Gesang und Tanz genutzt, um sich z.B. auf die Jagd vorzubereiten.

 

Angesichts dieses Wissens wäre es durchaus ratsam, das Verständnis über Trance- Prozesse in unserer Kultur zu erweitern. Entspannungstrancen können sehr wohltuend wirken, sind aber kein Allheilmittel.
Es gibt eine Vielzahl von anderen Erlebniszuständen, die mit einem Maß von mehr oder weniger intensiv ausgeprägter Spannung einhergehen.
Um hypnotherapeutisch zu arbeiten, können wir uns erlauben, Trance als zieldienliche Intervention zu sehen und die ganze Vielfalt gewünschter Erlebnismöglichkeiten zu nutzen.

 

Ein amerikanischer Wissenschaftler namens Beahrs hat sich in den 80er Jahren die Mühe gemacht, unterschiedliche Definitionen von Trance und Hypnose zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten herauszufiltern. Er ist zu folgenden Ergebnissen gekommen:

 

  • In der Trance herrscht „unwillkürliches Erleben“ im Sinne von „es geschieht von selbst“ vor.
  • Bei der Induktion wird im Spektrum des Erlebens von willkürlicher Kontrolle zu mehr unwillkürlicher Selbststeuerung des Organismus übergeleitet.
  • Trance ist ein Zustand fokussierter Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Erleben bzw. ein Zustand des Absorbiertseins von einem bestimmten Erleben. (Das wird im übrigen auch dem Erfinder des Wortes „Hypnose“, James Braid, gerecht, der 1842 den Namen „Monoideismus“ prägte.)
  • Subjektiv werden die Prozesse als „automatisch“ ablaufend wahrgenommen und können auch als „Flow – Erlebnisse“ bezeichnet werden.

 

Trance ist ein natürliches, alltägliches Phänomen.
Unwillkürliche Prozesse sind schneller, wirksamer, ökonomischer als bewusste Abläufe und ihnen in allen Belangen überlegen.
Das zeigt sich deutlich bei der Betrachtung von Symptomen:
die Kraft des willkürlichen Wollens hat meistens keine Chance gegen die unwillkürlichen Prozesse.

 

Symptome, unter denen ein Mensch leidet, sind geradezu dadurch charakterisiert, dass man sie auf bewusster, willkürlicher Ebene nicht steuern kann und dass sie sich auf unwillkürlicher Ebene machtvoll durchsetzen.
Viele Klienten nehmen ihr bewusstes „Ich“ als Opfer eines unwillkürlichen „Es“ wahr.
Verständlicherweise werden unwillkürliche Prozesse in Folge dessen als bedrohlich erlebt.
Es werden (Lösungs-) Versuche gestartet, das Bedrohliche zu bekämpfen.
Viele Aufträge in Therapie- und Beratungs- Kontexten beinhalten den Wunsch,
dass man gemeinsam (Therapeut/Berater und Klient) mit vereinten Kräften den gewünschten Sieg davon trägt.

 

Geht man als Therapeut/Berater auf solche Aufträge ein, lernt man sehr schnell die Macht des Unbewussten kennen. Meistens bewirken die bewussten Bekämpfungsversuche lediglich eine Verstärkung der Problemerlebens.

 

Steven Gilligan und Gunther Schmidt haben in den 90er Jahren den Begriff „Problemtrance“ oder „Symptomtrance“ kreiert, um zu verdeutlichen, dass Symptomprozesse ähnlich ablaufen wie Trance – Induktionen.
Wer ein Problem hat (oder wen ein Problem hat ?) weiß um die Hilflosigkeit, die entsteht, wenn man versucht, ein unwillkürliches Geschehen willkürlich zu verändern.

 

Prozesse, die außerhalb der bewussten Kontrolle ablaufen, zeigen sich der bewussten Wahrnehmung auf dem Wege der Unwillkürlichkeit.
Will man den Wert solcher Prozesse und der damit zusammenhängenden Signale verstehen,
so impliziert das auch einen wertschätzenden Umgang.
Und das würde bedeuten, dass der bewusste Verstand eine wertschätzende kooperative Haltung zur unbewussten/unwillkürlichen Seite entwickeln würde.

 

„Ich“ und „Es“ sind dann in einem kooperativen Miteinander.
Für den bewussten Verstand ist das eh das Beste, sonst würde er auf ziemlich verlorenem Posten dastehen:
die moderne Hirnforschung kann überzeugend nachweisen, dass praktisch jeder Entscheidungsprozess zunächst schon auf unbewusster Ebene insbesondere im Bereich des limbischen Systems vorentschieden ist, bevor er ins Bewusstsein dringt.

 

Das Primat des aufgeklärten, rationalen Denkens ist schlicht eine Illusion.

 

Auf das limbische System zu hören ist die klügste Verhaltensweise überhaupt.
Die Ebene des Verstandes und der Vernunft bildet sich in der Hirnentwicklung erst sehr spät aus und
erhält auch nie einen im wahrsten Sinne entscheidenden Einfluss auf das Verhalten.
Das limbische System benutzt sprichwörtlich den Verstand, um komplexe Situationen differenziert bewerten zu können, gibt aber nie die Letztentscheidung ab.
Der die Entscheidungen fällende „Vorstand“ des Systems sitzt im limbischen System.
(Roth 2003)

 

Der Begriff des „Unbewussten“ ist sehr vage und macht nur Sinn in der Unterscheidung zum „Bewussten“ (sowie die Bezeichnung „Trance auch nur Sinn macht in der Unterscheidung zu dem Erleben, von dem es unterschieden werden soll, nämlich vom „Wachbewusstsein“).
Das Unbewusste erhält zusätzlich Bedeutung durch die Art der Konnotation:

 

In der Freud´schen Sicht ist das Unbewusste der Bereich für alles Triebhafte und Verdrängte. Logischerweise plädiert er für eine größtmögliche Bewusstmachung, so dass „Es“ bewusst gehandhabt und kontrolliert werden kann:

 

Wo ES war, soll ICH werden …

 

Ganz anders ist der Begriff des „Unbewussten“ bei Erickson konnotiert:
Das Unbewusste wird hier gesehen als der Bereich, der die Gesamtheit der Lernprozesse,
Ressourcen und persönlichen Kompetenzen beinhaltet.
„Wie eine liebevoll fürsorgliche Mutter“ steuert das „Unbewusste“ nicht nur alle
unwillkürlichen physiologischen Prozesse des Menschen, sondern auch die seelischen Prozesse und deren Wechselwirkung mit körperlichen Abläufen.

 

Auch wenn die unwillkürliche Seite (also dieses intuitive Wissen) sich oft für den bewussten Verstand auf eine eher befremdliche und unverständliche Weise ausdrückt, nämlich in Form von Bildern, Empfindungen, mehr oder weniger diffusen Gefühlen,
– eben in vorsprachlich sinnesspezifischer Weise (VAKOG) – wird hier für eine wertschätzende Kooperationsbeziehung zwischen dem bewussten Verstand und der intuitiven Seite geworben.

 

BEWUSSTSEINWillkürlich
Ich mache

Gewohnheitswirklichkeit
Willkürliches Denken
ICH

UNBEWUSSTESUnwillkürlich
Es geschieht

Sitz der Kompetenzen/Potentiale/Ressourcen
Unwillkürliches Denken
ES, Intuition, Organismus

 

Für die konkrete Anwendung von Trance – Interventionen ergibt sich aus dem oben gesagten eine systemische Logik:

 

  • Eine optimale Trance entsteht durch eine optimale Beziehungsgestaltung.
  • Es geht um
    – eine kooperative Wertschätzung
    – ein sowohl als auch
    – eine Kommunikation auf der bewussten und auf der unbewussten Ebene.

 

Im therapeutischen Verständnis ist in Trance- Zuständen die Aufmerksamkeit meist nach innen gerichtet.
Für den Klienten bedeutet das ein ganz persönliches, sinnliches Erleben im Innern.
In unserer „linkshemisphärischen“ Kultur geschieht es häufig, dass Menschen den Kontakt zu ihrem Inneren Selbst verloren haben. Deshalb ist das Ziel von Trance-Arbeit, äußere Programmierungen bzw. bewusste Einstellungen und erlernte Gewohnheiten,
die blockierend gegenüber dem Unbewussten wirken, aufzulösen, damit sich die Botschaften des Unbewussten entfalten können.

 

Es geht darum,

 

  • die Dinge wie von selbst geschehen zu lassen
  • vom eigenen Inneren zu empfangen
  • Berührung mit dem inneren Selbst zu erleben
  • den Wert der einzigartigen inneren Erlebnisse zu erkennen
  • ein bislang unerkanntes Potential wirksam werden zu lassen, um dadurch intensiver und einfühlsamer lernen zu können.

 

Milton Erickson hat die Begrifflichkeiten TRANCE, UNBEWUSSTES und BEWUSSTSEIN
wie folgt in Zusammenhang gestellt:

 

Das Unbewusste ist ein Hersteller von Informationen.

Das Bewusstsein ist ein Verbraucher.
Trance ist ein Vermittler zwischen ihnen.