Jenseits der Individualität

 

Seit vielen Jahren führe ich ein Tagebuch, notiere wichtige Ereignisse, schreibe auf, was mich beschäftigt, denke Gedanken über den Tellerrand des Alltäglichen hinaus weiter, erkunde die emotionalen Auswirkungen des einen oder des anderen Gedankenganges …

Seit Jahren übe ich mich in der Praxis der Meditation, beobachte die Impulse meines Körpers und meiner Seele. Hin und wieder kommentiere ich, setze Bausteine gedanklich zusammen, stelle Fragen in mich hinein. Natalie Knapp hat diese Haltung wunderbar beschrieben, indem sie formulierte, dass es um die Fähigkeit geht, sich in den Bereich des aufmerksamen Nichtverstehens hinein zu entspannen.

Seit Jahren (mit all dem Selbsterfahrungs- und Therapie- Hintergrund) gehe ich aufmerksam und wachsam mit den eigenen Themen um und arbeite an mir.

 

Und doch … erlebe ich einen Mangel, den ich lange nicht fassen konnte.

 

Als junger Mensch hatte ich oft das Gefühl, dass ich nicht in diese Gesellschaft passe.

Ich fühlte mich wie ein Fremder im eigenen Land.

Tief in meiner Seele war ich ein Indianer, der (auf nicht nachvollziehbare Weise in die Fremde katapultiert) sich nach seiner Heimat sehnt, seinen angestammten Platz in seinem Stamm und seinem Dorf auf schmerzhafte Weise vermisst. Ich sehnte mich nach einem selbstverständlichen Zuhause, nach einem Angekommensein in einer Umgebung und bei Menschen, denen ich mich zugehörig fühle.

 

Dann kamen die Familienjahre: ich war Vater und Ehemann. Die Familie wurde meine Heimat.

Jetzt ist auch diese Phase vorbei: die Kinder sind längst erwachsen und führen ihr eigenes Leben; die Ehe bot kein stabiles Fundament, auf der man hätte Zukunft bauen können.

 

Jetzt bin ich also wieder an dem Punkt:

Ich fühle diese tiefe Sehnsucht nach einem ZUHAUSE, das mehr ist, als eine Adresse, bei der ich gemeldet bin, bei der ich meine Arbeit und meine Selbsthygiene verrichte.

Ich sehne mich nach Verbundenheit, nach Solidarität, nach synergetischem Austausch, nach einem öffentlichen Raum des miteinander Denkens, Fühlens und Handelns. Es fühlt sich so an, als hätte ich all das schon einmal gehabt und als wäre es verloren gegangen.

Wenn ich mit Freunden zusammen bin und wir eine spannende und bereichernde Zeit miteinander verbringen, spüre ich, dass das ein guter Anfang ist.

Aber dann geht jeder wieder in sein privates Umfeld zurück und der kreative Fluss ist unterbrochen.

 

Seit 25 Jahren arbeite ich mit Einzelpersonen und Paaren im psychotherapeutischen und supervisorischen Kontext. Die Arbeit ist nach wie vor spannend und bereichernd.

Menschen darin zu unterstützen, sich ihren persönlichen Themen zu stellen, Selbstakzeptanz und Selbstwert zu stärken, sich von den moralischen Postulaten einer restriktiven Erziehung zu befreien … all das ist lohnenswert, sinnvoll und wichtig.

Und doch hat diese Begleitung bei der Gestaltung persönlicher Entwicklungsprozesse immer mal wieder einen faden Geschmack: geht es doch letztendlich um Selbstoptimierung, um ein Mehr an Erfolg, um die Manifestierung eines persönlichen Glücks im Sinne einer Anhäufung von emotionalem Kapital im privaten Raum.

Mit dieser privaten Glückssuche wird eine Einsamkeit kompensiert, die ihre Ursache in einer sozialen und globalen Entfremdung hat.

Die Erde ist ein lebendiger Organismus und wir sind alle Teil davon, ohne uns bewusst zu sein, dass wir mit unserem Denken, Fühlen und Handeln auch eine Verantwortung für das Ganze tragen.

 

Wir schaffen derzeit, ganz im Konsens mit dem alles beherrschenden Konsumdenken und  analog zum geforderten permanenten Wirtschaftswachstum, eine Kultur der Selbstverherrlichung. Wir sollen wachsen und wachsen und wachsen, um immer besser und effektiver zu werden.

 

Ein wirtschaftlich gewünschter Effekt dieser privaten Glückssuche ist es, dass Gefühle jeglicher Couleur auf den Altären der medialen Vermarktung zelebriert und geopfert werden.

Gefühle sind zur Ware verkommen. Sie werden von den Werbestrategen der Industrie geschickt verkoppelt mit dem Erwerb von Produkten. Sind Gefühle auf diese Weise durch den Kauf von Produkten angeeignet worden, werden sie auf dem Marktplatz der Eitelkeiten zur Schau gestellt. Der Wert des Selbst steigt in dem Maße, wie die Identifikation mit dem Konsumverhalten wächst und er sinkt augenfällig, wenn die Produkte, deren Besitz Glück, Zufriedenheit, Freiheit usw. verheißen, für den sehnsüchtigen Konsumenten unerreichbar sind.

Die öffentliche Selbstdarstellung ist Teil des medialen Alltags geworden. Das „Performen“ und Posieren, das den Anschein von Stärke, Kompetenz und Durchsetzungskraft vermitteln soll, ist lediglich eine Marketing- Strategie. Was in der Welt der Waren zählt, ist eine den gesellschaftlichen Schablonen entsprechende attraktive Fassade. Und Fassade ist machbar, wenn wir uns nur genügend anstrengen und mehr Leistung zeigen als unsere Mitbewerber.

Ein amerikanischer Kollege hat einmal formuliert, dass wir immer mehr zu „Human Doings“ mutieren und vom „Human Being“ entfernen.

 

Und während die Wirtschaft wächst, und mit ihr der Anspruch, immer schöner, besser und erfolgreicher zu sein, zeigt sich mit einem Blick hinter die Fassade das wahre Ausmaß des Elends: die persönlichen emotionalen Abgründe aufgrund der konsequent betriebenen Entfremdung vom eigenen Selbst. Infolgedessen setzt sich die innere Realität – hinter der Fassade des wohlmeinenden Funktionierens – meist aus folgenden Aspekten zusammen:

 

  • Gefühle von Einsamkeit und Verlassen sein
  • Ein Erleben des Mangels an Zuwendung, Anerkennung und Liebe
  • Der Druck, die Erwartungen der Anderen und die Perfektheitsansprüche an sich selbst erfüllen zu müssen
  • Und über allem die Gefahr des Versagens und der daraus resultierenden Angst.

 

Immer mehr Menschen in den Industrieländern gelten als psychisch krank. Schätzungen gehen davon aus, dass mittlerweile jeder 3. erwachsene Bundesbürger irgendwelche chemischen Substanzen in Form von Pillen zu sich nimmt, um die inneren Qualen nicht mehr ertragen zu müssen. Die Devise lautet: bloß weg von diesem inneren Elend und hin zu den Fleischtöpfen der Hochglanzkultur. Die Industrie profitiert von dieser Haltung; mit dem Verkauf von Psychopharmaka werden Milliarden umgesetzt. Und die Ärzte und Psychiater zeigen einmal mehr, wie sehr sie im Dienste dieser Industrie stehen.

Obwohl ich seit 25 Jahren psychotherapeutisch arbeite, haut es mich immer wieder aus den Socken, wenn ich von Klienten höre, wie schnell und eilfertig Ärzte Antidepressiva verschreiben, ohne darüber zu informieren, wie sehr diese Mittel die Selbstregulierung des Organismus beeinflussen oder außer Kraft setzen und wie groß die Gefahr der Abhängigkeit ist.

Diese gängige Praxis hat zur Folge, dass jeder in seinem stillen Kämmerlein zu Hause oder in einer der zahlreichen Kliniken für „psychisch Kranke“ ganz individuell leiden kann.

Das Elend wird aus der Öffentlichkeit verbannt (es existiert dort lediglich noch in Form von Zahlen und Statistiken) und auf geschickte Weise individualisiert.

 

Dem Einzelnen, der vor sich hin leidet, und dadurch sowohl vom eigenen Selbst als auch von der Öffentlichkeit getrennt ist, wird der Status des „Index- Patienten“ abgesprochen.

Als solcher würde er nämlich sehr deutlich anzeigen, dass in dieser Gesellschaft und in dieser Welt vieles nicht in Ordnung ist.

 

Und genau das ist doch dringend notwendig:

dass das isolierte Leid als Symptom einer kranken Gesellschaft gesehen wird.

Würde man diese Erkenntnis zu Grunde legen, könnte man mit vereinten Kräften daran arbeiten, wie eine Gesellschaft jenseits von Umweltzerstörung, Konsumzwang und Statusgier beschaffen sein müsste, damit die Menschen sich als aktiven Teil wahrnehmen und sich in ihr wohl fühlen könnten.

Vieles wäre gewonnen, wenn das persönliche Leid in einen öffentlichen Raum gestellt werden würde, in dem man sich gegenseitig respektvoll zuhört und wohlwollend, unterstützend und solidarisch gewünschte Veränderungen erarbeiten kann. Voraussetzung für Veränderung ist die Akzeptanz dessen, was ist.

 

Ein Gesundungsprozess auf seelischer Ebene kann sich dann entwickeln, wenn das Getrenntsein vom eigenen Selbst und das Getrenntsein von der Welt als zusammenhängende Symptomatik erkannt wird. Aus dieser Erkenntnis entsteht dann womöglich der Wunsch, sich verbunden und zugehörig zu fühlen.

 

Psychotherapie kann einen sinnvollen Beitrag zu dieser Entwicklung leisten, indem sie darin unterstützt, alte Denk- und Fühl- Muster, emotionale Abgründe, destruktive Zuschreibungen und Überzeugungen aufzuspüren, die Selbstregulierung in Bezug auf die Wahrnehmung und Realisierung eigener Bedürfnisse zu stärken und eine innere Stärke kennenzulernen, die aus einem liebevollen Kontakt zu sich selbst erwächst.

 

Darüber hinaus braucht die Seele auch Begegnung, damit sie heilen kann. Diese Begegnung muss nach Martin Buber eine „Ich-Du-Beziehung“ sein, die wertschätzenden und respektvollen Kontakt ermöglicht.

 

Ich plädiere hier für die Einrichtung von offenen, öffentlichen Räumen, in denen man gemeinsam und solidarisch die innerpsychischen, die gesellschaftlichen und die weltpolitischen Themen zusammenhängend im Lichte der Erkenntnis anschauen und bearbeiten kann.

Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist ein freier Geist, der sich von den einengenden Schablonen der Gesellschaft befreit hat und der die Dinge unvoreingenommen analytisch betrachten, durchdenken und sinnvolle Schlüsse ziehen kann.

 

In der indischen Philosophie werden 3 Stufen des Denkens beschrieben:

Die unterste Stufe, das Tama- Denken beinhaltet die Gedanken, die sich um die Erfüllung von Alltagsbedürfnissen drehen. Die 2. Stufe des Raja beschreibt ein Denken, das durch rastlose Suche, Unruhe und Getriebensein charakterisiert ist. Auf der 3. Stufe (Satva- Denken) geht es um ein tiefes Verständnis der Dinge aus einer Haltung der Klarheit und Ruhe heraus.

Die Grundlage für dieses Denken ist die Vernunft, die wahrnehmen und erkennen kann, die Fähigkeiten zu einer differenzierten Betrachtung und zur klaren Entscheidung hat und mit einem starken Willen gestalten kann.

Um diese 3. Stufe des Denkens geht es, wenn hier von einem freien Geist die Rede ist, der das innere und äußere Geschehen in einen sinnvollen Zusammenhang setzen, analysieren und auswerten kann. Aus den gewonnenen Erkenntnissen sollten dann ein klarer Gestaltungswille, eine Solidarisierung mit anderen Frei- Denkern und gemeinsam durchdachte Handlungsschritte erwachsen.

Um den Geist zu befähigen, ein FREIER GEIST zu werden, gibt es sicher viele Wege. Eines haben sie wahrscheinlich gemeinsam: es geht um eine innere friedliche Revolution … ein sich befreiender Geist, der sich erlaubt, über die Grenzen moralischer Vorgaben und stereotyper Denkmuster hinweg zu denken, so dass die nachweislich schädlichen Prägungen durch die Gesellschaft entlarvt, überarbeitet, verändert oder losgelassen werden können.

In der alternativen Szene gibt es 2 sich unterscheidende Haltungen: die Einen sind politisch aktiv, arbeiten engagiert für Menschen- und Tier- Rechte, ziehen in ihrem eigenen Verhalten Konsequenzen aus ihren Erkenntnissen und gehen nach draußen, um Missstände offen zu legen. Die Anderen haben sich der Befreiung der Gefühle gewidmet und sich in Schönfühl- Nischen eingerichtet, leben „gesund“ und mit sich im Einklang.

Beide Bestrebungen enthalten wichtige Aspekte von Autonomie und Gestaltung von Freiräumen.

Wenn diese beiden Seiten koordiniert werden durch eine innere Instanz, die reflektiv sowohl die inneren als auch die äußeren Prozesse durchdringt, Zusammenhänge herstellt und verbindet, kann daraus eine Kraft entstehen, die eine nicht zu übersehende Wirkung in der Welt haben wird.

 

Auf diese Weise kann die Welt zu einer besseren gemacht werden. Und gleichzeitig werden 2 elementare menschliche Grundbedürfnisse erfüllt:

das Bedürfnis nach persönlicher Reifung und Ich- Werdung und das Bedürfnis nach Verbundenheit und Zugehörigkeit.

Beide Elemente verharren in der derzeitigen gesellschaftlichen Situation in einem Zustand der Unerfülltheit oder befinden sich in einem Spannungsfeld, in dem sie sich nahezu gegenseitig ausschließen. Oft habe ich von Klienten gehört:

 

  • ich darf nicht so sein, wie ich bin
  • Wenn ich mich so zeige, wie ich bin, werde ich nicht geliebt
  • Um Zuwendung, Anerkennung und Liebe zu bekommen, muss ich so sein, wie die Anderen mich haben wollen
  • Ich muss die Erwartungen der Anderen erfüllen
  • Ich muss eine Rolle spielen, damit ich mich zugehörig fühlen kann

 

Das entspricht dem Bild eines brav konsumierenden, genormten, ängstlichen und sich ständig kontrollierenden Bürgers, der seine angepasste Fassade pflegt, sein wahres Selbst aber entweder gar nicht kennt oder glaubt, es versteckt halten zu müssen.

 

Der von sich selbst entfremdete Mensch ist das ideale Zielobjekt für die Aufrechterhaltung der Wachstumsideologie und für die Gier der Profitmaximierer.

Die Selbstdarstellungs- und Fassaden- Kultur fängt die Menschen mit einem Überangebot an Ersatzbefriedigungen und Wellness- Versprechen.

Allerdings hat die Selbstverleugnung bzw. die Flucht in die Erwartungen der Anderen ihren Preis: der Körper rebelliert und die Seele rebelliert.

Aber das System ist pfiffig: denn schon warten die Angebote der Medizin und Pharmaindustrie auf ihren Einsatz.

Nur ein geringer Teil der Menschen, die sich für einen therapeutischen Prozess entscheiden, nähern sich schrittweise der Erkenntnis an, wie groß das Ausmaß der Selbstverleugnung ist. Denn auch die gängigen Therapieangebote sind Teil des Systems …

Wer sich einlässt, steht dann meist vor schmerzhaften Erfahrungen und Ängsten. Da ist die Verführung wieder sehr groß, doch lieber eine Glückspille einzuwerfen, anstatt sich dem Schmerz zu stellen.

Und wer sich ohne Pille einlässt, wird merken, dass substanzielle Bedürfnisse lange nicht mehr wahrgenommen wurden. Danach kann die Arbeit und die kritische Auseinandersetzung mit den einschränkenden Prägungen aus Familie und Gesellschaft erfolgen.

 

Für eine fundamentale Neuorientierung sind 2 Aspekte wichtig …, dass persönliche Reifung und Gefühle tiefer Verbundenheit Hand in Hand gehen und sich in einer Atmosphäre von Vertrauen, Transparenz und Offenheit gegenseitig befruchten.

 

Ein weiterführender Schritt wäre die Einrichtung von Gemeinschaften des Zusammenlebens, die eine gewisse psychische und soziale Autarkie entwickeln.

Solche Gemeinschaften könnten dem Einzelnen vielseitige Möglichkeiten zu Kontakt, Austausch  und schöpferischer Verwirklichung bieten, reale Heilungsmöglichkeiten für die innere Ökologie der menschlichen Beziehungen schaffen und solidarisches Handeln nach außen zeigen.