Lösungsorientierte Therapie

 

Die lösungsorientierte Therapie basiert auf der Arbeit von Milton Erickson.
Steve de Shazer war Anfang der 70er Jahre Professor für Soziologie. Über Haley (Strategien der Psychotherapie) kam er zu Erickson, der bis zu diesem Zeitpunkt 700 Therapiefälle beschrieben hatte und Wert darauf legte, keine Theorie für seine Arbeit zu haben.
Steve begann mit Zustimmung seiner Vorgesetzten, die Essenz von Ericksons Arbeit herauszukristallisieren. Dabei versuchte er, seine soziologische Theorie anzuwenden. Es funktionierte nicht. Steve gab auf und stellte sich seiner Verwirrung.
Er begann mit Klienten zu arbeiten und stieg aus dem Lehrbetrieb aus. Er kopierte Ericksons Arbeitsstil, um auf diese Weise Interventionsmuster bewusst zu machen und gleichzeitig zu strukturieren.

 

Die ersten Erkenntnisse:

 

  • Der Therapeut akzeptiert die Person des Klienten und nutzt das Problemerleben für eine Lösung (Utilisation).
  • Der Therapeut erkundet, wie er das Symptom nützlich machen kann.
  • Der Therapeut hilft dem Klienten dabei, die eigene Kompetenz zu trainieren.

 

Steve traf John Weekland, Paul Watzlawik u.a., die das Mental Research Institute gegründet hatten, und die ebenfalls dabei waren, auf der Basis von Ericksons Arbeit Modelle der Kurzzeittherapie zu entwickeln.
Eine wichtige Gemeinsamkeit in der Analyse von Fällen in den 70er Jahren war die Erkenntnis, dass Klienten nicht die ganze Zeit Probleme hatten, sondern dass das Problemerleben, wenn es assoziiert erlebt wurde, oft verallgemeinert wurde, so als würde es immer schon bestehen. Also lernten die Forscher nach Ausnahmen zu schauen.

 

Mitte der 70er Jahre wurde das BFTC (Brief Family Therapie Center) von Steve de Shazer in Milwaukee gegründet.
Die Lösungsfokussierung in der Therapie rückte stärker in den Mittelpunkt der Forschung.
Es wurden Konzepte und Computerprogramme zur Lösungsfindung erarbeitet.
Die täglichen Erfahrungen in der Lösungserarbeitung legten den Schluss nahe, dass bestimmte Interventionen und Hausaufgaben übertragbar sind, unabhängig von den Symptomen und Themen der Klienten.

 

Daraus entwickelte sich die folgende Standardaufgabe, die nach der ersten Sitzung gestellt wurde:

 

Bis zur nächsten Sitzung beobachten Sie bitte und beschreiben uns dann,
was in Ihrer Familie so abläuft, dass Sie der Meinung sind, es soll so bleiben.

 

Häufig haben Klienten in der 2. Sitzung berichtet, dass etwas passiert ist, was deutlich anders war (als die vorgebrachte Beschwerde). So wurde diese Standardaufgabe ein nützliches Hilfsmittel, die Tür zu Veränderungen und Lösungen zu öffnen.

 

Um den Zugang zum Klienten zu verbessern und um zu erkunden, was der Klient wünscht und was seine Ziele sind, wurde die Wunderfrage entwickelt.

 

Angenommen, es würde in der kommenden Nacht, während Sie schlafen,
ein Wunder geschehen und Ihr Problem wäre gelöst.
Wie würden Sie das am nächsten Morgen merken ? Was wäre anders ?
Woran würde Ihr Mann/Ihre Frau merken, dass ein Wunder geschehen ist,
ohne dass Sie ein Wort darüber gesagt haben ?

 

Die Wunderfrage verhilft dem Therapeuten sowie dem Klienten zu einem möglichst klaren Bild, wie eine Lösung aussehen könnte.
Zudem kann diese Beschreibung einer beschwerdefreien Zukunft dazu beitragen, die Ausnahme als auffällig einzuschätzen. Im BFTC wird Ausnahme definiert als alles, was passiert, wenn die Beschwerde nicht vorhanden ist.

 

Von der ersten Sitzung an geht es also darum, eine Lösung zu erarbeiten, indem die Suche nach Ausnahmen initiiert wird. Das ist ein wesentlicher Punkt in der Lösungstheorie.
Ganz gleich, wie viel der Klient über sein Problem (Beschwerde) erzählt, das Gespräch wird immer wieder auf die beschwerdefreie Zeit gelenkt. Wichtig ist es, zu erkunden, ob der Klient weiß, wie er die Verhaltensweisen aufrechterhalten kann, die die Ausnahme ausmachen.
Dann schaltet der Therapeut um auf die gemeinsame Erarbeitung der Beschreibung einer Zukunftsvision, in der die Beschwerde verschwunden ist (Wunderfrage).

 

Der Therapeut ist sich darüber bewusst, dass sich die Probleme im Territorium des Klienten ereignen, und dass er sich ausschließlich mit seiner Konstruktion dessen, wie der Klient seine persönliche Realität konstruiert, befasst.
Er hat lediglich mit den Landkarten des Gebiets zu tun.
Das therapeutische Interview ist also ein gemeinsamer Gestaltungsprozess.
Klient und Therapeut sind Ko – Autoren einer gemeinsamen therapeutischen Realität.

 

Allgemeine Richtlinien der lösungsorientierten Therapie: 

 

  • Stelle fest, welche Dinge der Klient tut, die gut, nützlich und wirksam sind.
  • Stelle den Unterschied fest zwischen dem, was geschieht, wenn eine Ausnahme vorkommt und dem, was geschieht,
    wenn die Beschwerde auftritt. Fördere das erstere.
  • Wenn möglich, lasse Dir jede Ausnahme Schritt für Schritt beschreiben.
    Finde heraus, was funktioniert, bzw. finde heraus, was funktioniert hat bzw. finde heraus, was funktionieren könnte;
    dann verschreibe das Leichteste.
    Sind Aspekte der Ausnahme (oder der Beschwerde) irgendwie zufällig,
    dann bau etwas Willkürliches oder einen Zufallsfaktor in die Aufgabe ein.
  • Wenn nötig, lass Dir die Beschwerde Schritt für Schritt beschreiben.
  • Stelle Unterschiede zwischen hypothetischen Lösungen und der Beschwerde fest.
  • Stelle Dir eine Lösungsversion vor, indem du
    – Ausnahmen zur Regel machst,
    – den Ort des Beschwerdemusters veränderst,
    – in der Zusammensetzung der am Beschwerdemuster Beteiligten eine Änderung bewirkst,
    – die Reihenfolge der beteiligten Schritte veränderst,
    – dem Beschwerdemuster ein neues Element oder einen neuen Schritt hinzufügst,
    – die Dauer des Musters verlängerst
    – zufälliges Anfangen und Beenden einführst,
    – die Häufigkeit des Musters erhöhst,
    – die Modalität des problematischen Verhaltens änderst.
  • Entscheide, was für den Klagenden / Kunden passt, d.h. welche Aufgabe, basierend auf welcher Variablen einem bestimmten Klienten vernünftig erscheinen wird.
    Welche wird der Klagende am ehesten akzeptieren ?
    Welche wird der Kunde am ehesten ausführen ?

 

Bei diesen Richtlinien wird deutlich, dass es hier in keiner Weise um die Erforschung der Ursachen eines Problems geht.
Die Systematisierung der therapeutischen Fälle im BFTC hat gezeigt, dass die Beschwerde des Klienten fast immer den Wunsch beinhaltet, von etwas befreit zu werden, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie das zu bewerkstelligen ist.
Deshalb wird jeder Unterschied im Verhalten, Denken, Fühlen, Wahrnehmen im Kontext dafür genutzt, einen Unterschied zu machen, (der einen Unterschied macht), der zur Lösung der Beschwerde führt.

 

Steve de Shazer sagt dazu:

 

Das Problem ist lediglich die Fahrkarte für die Therapie.
Wofür sollen wir uns mit der Fahrkarte befassen ?

Die Einteilung der Klienten

 

Um die Beziehung zwischen Therapeut und Klient skizzenhaft zu beschreiben, werden 3 Gruppen von Klienten unterschieden:

  • Besucher
    Klienten, die geschickt oder mitgenommen werden, die selbst keine Beschwerde haben.
    Intervention:
    Komplimente machen, und Ausschau halten nach dem, was funktioniert.
    Der Besucher bekommt keine weiteren Aufgaben.
  • Klagende
    Klienten, die eine Beschwerde haben, die Lösung als Resultat des Gesprächs erwarten.
    Intervention:
    Beobachtungs- oder Denkaufgabe als Hausaufgabe. (s. Standardaufgabe)
  • Kunde
    Klienten, die eine Beschwerde haben und bereit sind, etwas für die Lösung zu tun.
    Intervention:
    Nachdem die Unterschiede zwischen Ausnahme (oder hypothetischer Lösung) und Beschwerde beschrieben sind, wird die Hausaufgabe in Form von Verhaltensaufgaben gegeben: Tue mehr von dem, was wirkt

Komplimente:

 

In jeder Sitzung werden dem Klienten nach einer kleinen Konsultationsphase Komplimente darüber gemacht, was er „Richtiges“, „Gutes“, „Wirksames“ und „Nützliches“ tut.
Durch dieses Lob und die positive Konnotation erfährt er eine deutliche Wertschätzung.
Das stärkt den Rapport in der therapeutischen Beziehung, erweitert die Ressourcen des Klienten und fördert die Kooperations- bereitschaft und eine Ja – Haltung, auch für die anstehenden Aufgaben.

 

Aufgaben:

 

Die Hausaufgaben helfen dem Klienten dabei, seine Erfahrungen anders zu deuten und somit die Beschreibung seiner Situation abzuwandeln. Die Aufgaben liegen größtenteils bereits im Erfahrungsbereich des Klienten, bzw. gehören zu seinem Repertoire und unterstützen den Klienten darin, nützliche und wirksame Verhaltensweisen zu fokussieren und zu verstärken.

Beispiel: Herr H. bringt die Beschwerde vor, dass er sehr deprimiert ist. Im Erstgespräch stellt sich heraus, dass es gelegentlich spontane Ausnahmen gibt. Der Therapeut hilft Herrn H. dabei, die Unterschiede zwischen „guten Tagen“ und „schlechten Tagen“ herauszuarbeiten. Die Aufgabe, die Herr H. mit nach Hause nimmt, lautet dann:

 

Tun Sie mehr von dem, was an guten Tagen funktioniert.

 

Bei Klienten, die eher dem Typus „Klagender“ entsprechen, werden Beobachtungsaufgaben gegeben. (s.o.)
Manchmal wird ein Klient auch gebeten, am Vorabend eine Voraussage zu machen, ob das Symptom am nächsten Tag auftritt. Solch ein – auf den ersten Blick – widersinniges Vorgehen, Dinge vorherzusagen, die scheinbar nur zufällig eintreten, hat die Implikation, dass sie doch beeinflussbar sind. Außerdem lenkt die abendliche Vorhersage das Denken auf ein neues Element: nicht mehr die Vermeidung des Symptoms ist als Ziel markiert, sondern die richtige Vorhersage.
Gleichzeitig wird die Aufmerksamkeit auf die Unterschiede geschärft, die zwischen den Tagen mit und ohne Symptom bestehen. Damit ist die Grundlage für die Beeinflussung gelegt.

 

Dekonstruktion:

 

Beim Dekonstruktionsprozeß sucht der Therapeut nach irgendeinem Punkt im logischen System des Klienten, der unlogisch ist, ein Punkt, der die problematische Konstruktion zusammenfallen lässt.
Zentralkarte:

 

Ab Mitte der 80er rückte im BFTC immer mehr die Verfeinerung und Anwendung der Wunderfrage ins Zentrum der ersten Sitzung.

Der Ablauf einer ersten Sitzung kann wie folgt strukturiert werden:

 

Wunderfrage:

 

1. Teil

 

Ich hab eine seltsame und ungewöhnliche Frage … (Pause)

Stell dir sich den Fall vor, daß …
(Pause, wie Pausen in der Musik)

… wenn wir hier fertig sind, gehst du nach Hause, und tust all die Dinge,
die du jeden Tag tust, ißt zu Abend, siehst ein wenig fern,
oder tust irgend etwas anderes, und du gehst zu Bett und schläfst ein …
(Pause)

Und während du schläfst, geschieht ein Wunder … (Pause)

Und die Probleme, die dich hergebracht haben, sind im Nu gelöst … (Pause)

Aber es geschieht genau dann, wenn du schläfst, so kannst du nicht wissen,
daß es geschehen ist …
(Pause)

Wenn du also am nächsten Morgen aufwachst, wie wirst du entdecken,
woran wirst du erkennen, daß das Wunder geschehen ist ?

(Pause und warten …)

 

Meistens ist die erste Antwort:

ich weiß es nicht.

 

Welchen Wert hat eine Frage mit einer leichten Antwort ? (Sh. Holmes)

(Pause und warten)

 

Erfrage Details: wer, was, wann, wo, wie
(um so realer wird der Tag nach dem Wunder)

Und was noch ?

2. Teil 

 

Ohne daß du selbst etwas sagst, wie oder woran könnten andere Leute merken (wissen), daß das Wunder geschehen ist ?

 

Details

Und was noch ? …

3. Teil

Wann war es das letzte Mal, an das du dich erinnern kannst,
als die Dinge von der Art geschehen sind, wie an diesem Tag nach dem Wunder ?

 

Details

Und was noch ? …

Woran haben andere gemerkt, daß Dinge von der Art geschehen sind, … ?


4. Teil

Auf einer Skala von 0-10 wobei 10 dafür steht, wie es am Tag nach dem Wunder und 0 dafür steht, wie es am Tag der Terminvereinbarung für die Therapie war, wo zwischen 0 und 10 bist du gerade jetzt ?

Was ist anders ?
Woran würdest du merken, daß du bei 4 (wenn vorher bei 3) angekommen bist ?

Auf der gleichen Skala, wo warst du an dem Tag, der so ähnlich war, wie der Tag nach dem Wunder ?

Was würden andere Leute sagen, wo du bist ?
(meistens ein Punkt höher als die Selbsteinschätzung)
Was ist es, was andere sehen, was du selbst nicht siehst ?

 

Denkpause …
Komplimente, Aufgaben

 

2. Sitzung

 

Die Struktur wiederholt sich in allen weiteren Sitzungen.
Beginn mit dem 5. Teil

Was hat sich verändert ?
Was hat sich verbessert ?
Was ist besser ?

 

In der Regel gibt es eine Verbesserung.

Was hast du gemacht, um Dinge besser zu machen ?
Was ist geschehen, daß sich Dinge verbessert haben ?

Ist die Verbesserung gut genug ?
Wenn die Dinge auf diesem Level bleiben, wäre das okay ?

 

Wenn ja, einrichten einer Zuversichtsskala

Wie sehr vertraust du darin, daß Dinge dauerhaft gut genug sind ?
(Skala von 1-10)

 

Mit Hilfe von Skalen können subjektive Gefühlszustände gemessen werden.
Auch ist es möglich, Fortschritte zu messen und somit die Lösungserarbeitung zu erleichtern.

 

Denkpause

 

Komplimente

 

Aufgaben