Psychotherapie

Plädoyer für eine Neuorientierung

In Artikel 3 des in Deutschland seit dem 01.01.1999 geltenden Psychotherapeutengesetzes heißt es:

Ausübung von Psychotherapie im Sinne dieses Gesetzes ist jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist. Im Rahmen einer
psychotherapeutischen Behandlung ist eine somatische Abklärung herbeizuführen.
Zur Ausübung von Psychotherapie gehören nicht psychologische Tätigkeiten, die die Aufarbeitung und Überwindung sozialer Konflikte oder sonstige Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben.

Die sogenannten „Störungen mit Krankheitswert“ sind zusammengefasst im ICD 10
(International Statistical Classification of Diseases) und im DSM 4 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders).

 Das psychotherapeutische Menschenbild                

in den Ausführungen von ICD und DSM ist einem defizitorientierten medizinischen Denken entlehnt, das die Aufmerksamkeit vorwiegend auf „Störungen“ bzw. „Krankheiten“ richtet.

Es sei erlaubt, an dieser Stelle einige Fragen zu formulieren:
Wenn von „Störungen“ die Rede ist …

  • Wer oder was „stört“ denn da eigentlich ?
  • Wer oder was wird „gestört“ ?
  • Auf welche Weise geschieht dieses „Stören“ ?
  • Und die „Gestörten“, sind das die Klienten, oder andere Personen, etwa Familienangehörige,
    Mitarbeiter, Vorgesetzte, ein gesellschaftliches Regelsystem, eine Norm, eine Moral … ?
  • Wer entscheidet darüber, was eine „Störung“ und was eine „Nicht- Störung“ ist ?
  • Und wer entscheidet darüber, was krank ist und was gesund ?

Interessanterweise sind die Definitionen von Gesundheit innerhalb des medizinischen Denksystems in der Regel Negativbestimmungen, d. h., Gesundheit wird als Abwesenheit oder Freisein von Krankheit beschrieben.

Das medizinische Denksystem 

wurzelt in den philosophischen und naturwissenschaftlichen Errungenschaften des 17. Jahrhunderts. Hier seien insbesondere das Erkenntnismodell und das Weltbild von Descartes erwähnt:

Descartes geht davon aus, dass die Welt so ist, wie sie ist. Sie ist von Gott geschaffen und ihr Bauplan und ihre Gesetzmäßigkeiten sind von Gott festgelegt.
Die Wechselbeziehungen der Objekte in dieser Welt sind durch mechanische Gesetze bestimmt und unterliegen dem Prinzip von Ursache und Wirkung.

Der nach Erkenntnis strebende menschliche Geist (bei Descartes „res cogitans“) nimmt die Position eines Beobachters ein, der versucht, die Gesetzmäßigkeiten der Dinge geistig zu durchdringen und sie berechenbar zu machen, indem er komplexe Phänomene in ihre Bestandteile zerlegt.
Die Beobachtungen haben in diesem Denken keinen Einfluss auf die beobachteten Objekte, also auf die „objektive Realität“ der Dinge.
Descartes nimmt eine strenge Trennung zwischen Geist und Materie, bzw. zwischen Subjekt und Objekt vor.

Im 19. und 20. Jahrhundert feierte die Medizin aufgrund dieses Denkens beeindruckende Erfolge.
In den wissenschaftlichen Laboratorien wurden erstmalig Bakterien identifiziert und isoliert und passende Gegenmittel entwickelt.
Ärzte konnten von nun an ihren Patienten helfen, indem sie die „Krankheit“ diagnostizierten und die entsprechenden Gegenmittel verabreichten. Die oberste Handlungsdirektive allen ärztlichen Tuns lautete: „Diagnose und Behandlung“.

Im 20. Jahrhundert wurde die Anwendung des medizinischen Modells ausgedehnt auf psychische, emotionale Probleme und auf zwischenmenschliche Konflikte. Anhand der Beschwerden und Symptome von Patienten wurden „Landkarten“ über psychische
„Krankheits“- Phänomene (s. DSM und ICD) angelegt, um möglichst schnell die sogenannten
„Störungen mit Krankheitswert“ diagnostizieren und behandeln zu können.

Im Zuge zunehmender Technisierung wurde das menschliche Individuum (das Unteilbare) mit Hilfe von Diagnosen reduziert auf Symptome und Krankheitsbilder. Die Ganzheitlichkeit des Menschen wurde vollkommen vernachlässigt.

In der Psychiatrie (und das geschieht bis heute) hat man weniger Wert auf die psychologischen Dimensionen von Problemen und Leidenszuständen gelegt, sondern man hat versucht, organische Ursachen für die sogenannten „seelischen Störungen“ zu finden.

Es liegt auf der Hand, dass Diagnosen, die einen symptombezogenen Fokus haben, einem Menschen nicht gerecht werden. Es gibt immer wieder Beispiele dafür, wie Diagnosen missbraucht werden können.

Da „psychische Störungen“ auch als Abweichung von der Norm definiert werden, stellt sich die Frage: Wer bestimmt eigentlich, was normal ist ?
(in ähnlicher Weise zu verstehen wie die Frage: wer bestimmt eigentlich, was krank und was gesund ist ?)

  • Homosexualität galt lange Zeit als behandlungsbedürftige psychische Störung
  • Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass Schizophrenie häufiger bei schwarzen Angehörigen der
    Unterschicht diagnostiziert wurde als z. B. bei Personen aus der weißen Mittelschicht
  • In der Sowjetunion wurden politisch Andersdenkende über viele Jahre als Schizophrene abgestempelt und
    in geschlossene Anstalten interniert. Offiziell gab es so keine politischen Gefangenen
  • In vielen Ländern der Erde werden unliebsame Kritiker in psychiatrischen Anstalten gefangen gehalten und gefoltert

Diese Liste ließe sich beliebig erweitern. Zu zeigen war hier lediglich die politische Dimension von Diagnosen im Bereich der sogenannten „psychischen Störungen“.

In den 60er Jahren

im Zuge des Aufbruchs zu neuen kulturellen, gesellschaftlichen und persönlichen Erfahrungen, entstand in England und Italien eine „antipsychiatrische Bewegung“. Die Psychiater Laing (in England) und Basaglia (in Italien) proklamierten, dass „psychische Krankheit“ als eine Erfindung der herrschenden Kreise einer Gesellschaft und insbesondere als eine Erfindung von Psychiatern anzusehen ist.
Die Stigmatisierung „psychisch krank“ wird als Mittel zur Durchsetzung herrschender Interessen genutzt, also um Herrschaft und Einkommen (bei den Psychiatern) zu sichern.

Das eigentliche Problem sahen die „Antipsychiater“ in der Ablehnung (per Abstempelung = Diagnose) von sozial abweichendem bzw. gesellschaftlich unerwünschtem Verhalten.
Laing, Basaglia und ihre KollegInnen stellten bei ihrer langjährigen Tätigkeit als Psychiater fest,
dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Leiden, dem Problemerleben der Klienten und der Symptomatik, die Folge der Diagnostizierung von „Krankheit“ ist, gibt.
Sie prägten den Begriff „Anstaltskrankheit“, um zu verdeutlichen, dass die Anstalt die Patienten durch die diagnostische Abstempelung zu Kranken erst krank macht.
Die Annahme der Rolle eines Kranken führe dazu, dass die Betroffenen sich so verhalten, wie es angeblich psychisch Kranken entspricht.

Laing zog aus seinen Erfahrungen in der Psychiatrie die Konsequenz, aus diesem krank machenden System auszusteigen. Er lebte ab 1965 als gleichberechtigter Mitbewohner in einer Wohngemeinschaft mit als schizophren diagnostizierten Personen.
Er gründete die Philadelphia Association, um Menschen durch gemeinschaftliche Wohnformen die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt zu ersparen.
Als Buchautor bezog er deutlich Position gegen die mystifizierende Verdinglichung der von Freud als unbehandelbar betrachteten psychotischen Geistesstörungen.

Für Laing waren psychische Leidenszustände im Kontext einer familiären und gesellschaftlichen Genese zu sehen.

In Italien führte die antipsychiatrische Bewegung dazu, dass die Anstalten in Triest und anderen Städten geöffnet wurden, das Autoritätsgefälle zwischen Ärzten, Therapeuten und Patienten aufgehoben wurde.
Die Patienten erlangten ihre menschlichen Grundrechte und Freiheiten wieder.
Wichtige klinikrelevante Themen wurden im Forum der Vollversammlung besprochen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kritik der antipsychiatrischen Bewegung sehr deutlich auf die Gefahr des Missbrauchs von psychiatrischer und psychotherapeutischer Definitionsmacht hinweist.
Auch heute noch werden Menschen aufgrund psychiatrischer / psychopathologischer Diagnosen eingesperrt und entmündigt; „zu ihrem eigenen Wohl, zum Schutz …“ heißt es.
Doch der Spruch „Wir wollen doch nur Dein/Ihr Bestes“ ist hinlänglich bekannt und oft genug gehört aus dem Munde repressiver Pädagogen.
Es scheint heute zur gängigen Praxis zu gehören, dass auch Klienten bei Ärzten und Psychotherapeuten mit pathologischen Diagnosen konfrontiert werden. So kam eine Klientin zu mir in Praxis, völlig aufgelöst, und berichtete, eine Therapeutin hätte ihr nach
einem Erstgespräch gesagt, „sie habe Borderline“.
Eine andere Klientin bekam von ihrem Hausarzt (der keinen therapeutischen Ausbildungshintergrund hat) zu hören, sie leide an „krankhaften Angststörungen“. Als sie dann einen Therapeuten aufsuchte, erfuhr sie aus seinem Munde,
dass ihre Krankheit (nämlich die „Angst- und Zwangsstörung“) „unheilbar“ sei.

Diese Beispiele (und es ließe sich noch eine Vielzahl davon aufführen) sind aktuell und nicht etwa, wie man meinen könnte, aus dem letzten Jahrhundert.
Meine Kritik bezieht sich hier keineswegs auf therapeutisches Wissen, sondern auf die an Kategorien von Lehrbüchern ausgerichtete Deutungsarroganz von ÄrztInnen und TherapeutInnen, die oftmals Hoffnungslosigkeit bei KlientInnen zur Folge hat.

Diese Deutungsarroganz schafft durch die Macht des Deutenden ein für den therapeutischen Prozess wenig hilfreiches Autoritätsgefälle.
Der Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn fehlt dadurch die kooperative Basis.
Der Klient wird durch die Diagnose dazu verführt, mit seiner inneren Aufmerksamkeit nur noch auf seine „psychische Erkrankung“ zu starren und sie in allen Lebensbereichen zu „erfinden“ und zu manifestieren.

Die pathologische Diagnose wirkt diffus und verstärkt die Problem – Symptome.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Klient die Vielzahl an Veröffentlichungen über „Borderline“ und die kontroversen Diskussionen darüber kennt.

Was vielmehr als Botschaft ankommt, ist: Sie sind krank … oder Sie haben eine schwere psychische Erkrankung
Solche Botschaften haben den Charakter von machtvollen Suggestionen, die den Klienten in eine
„Ich bin psychisch krank“ – Hypnose hineinversetzen, mit all den über das Maß des Ausgangs- Problemerlebens hinausgehenden Ängsten, Befürchtungen, Fantasien, inneren Negativ – Bestätigungen und Selbstverurteilungen. Lösungen geraten bei diesem Denken erst mal vollständig aus dem Blickfeld.

Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass pathologiebezogene Diagnosen eine vordergründige Erleichterung und Entspannung beim Klienten zur Folge haben können, aber eben nur eine vordergründige.

Hintergründig wird das „Krankheitsbild“ als Alibi genutzt, um den aktuellen Problemen aus dem Wege zu gehen, eben mit der Begründung „ich bin ja krank … ich kann das nicht … ich bin damit überfordert … usw.“

Es wird der Anschein erweckt, als hätte man z.B. „Borderline“, so wie man z.B. ein Magengeschwür hat. Aber auch diese Variante verfestigt letztendlich das Problemerleben.

Ein neuer Gesundheitsbegriff

Nachdem ich nun (wie ich finde) ausgiebig die Manifestierung eines Problemfokus` kritisiert habe, indem ich eines der Probleme im psychotherapeutischen Bereich fokussiert habe, möchte ich mein Plädoyer für eine konstruktive, lösungsbezogene und selbstverständlich auch Problem- wertschätzende Psychotherapie beginnen.

Die Welt hat sich verändert; sie ist nicht mehr,
wie sie einmal war, und ihre neuen Probleme können deshalb nicht mehr auf der Grundlage eines Denkens
angepackt werden, das uns aus vergangenen Jahrhunderten überkommen ist.

Michail Gorbatschow (1987)

Wir leben heute in einer multikulturellen, global vernetzten Gesellschaft.
Eine zeitgemäße Psychotherapie muss sich von althergebrachten Methoden defizitärer Modelle und Denkweisen verabschieden, um eine Neuorientierung vollziehen zu können.
Wir haben die Chance, die Erkenntnisse und Erfahrungswerte der Antipsychiatrie, der Humanistischen Psychologie, des sozialen Konstruktivismus, des systemischen und lösungsorientierten Ansatzes und der jeweiligen Vertreter zu nutzen, im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtungsweise menschlicher Themen.
Das bedeutet selbstverständlich, den Menschen wieder als Einheit von Körper, Geist und Seele zu sehen und ihn als Teil eines spezifischen sozialen Gefüges wahrzunehmen.

Menschliche Themen können verstanden werden als Ausdruck von emotionalen und geistigen Aspekten des Erlebens im Kontext der eigenen Biographie und der jeweiligen familiären und beruflichen Lebensumstände.
Diesem Ansatz liegt ein multidimensionaler Gesundheitsbegriff zugrunde, der die Eigenverantwortlichkeit und Gestaltungsfähigkeit des Menschen hervorhebt.

In der Präambel der Charta der Weltgesundheitsorganisation WHO heißt es:

Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen physischen, geistigen und sozialen Wohlergehens und
nicht nur das Fehlen von Krankheit und Behinderung.

Diese Aussage könnte doch Hinweis in neue Richtung sein.

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat in den letzten Jahrzehnten das Konzept der Salutogenese entwickelt, das als Gegenpol der immer noch vorherrschenden Pathogenese zu verstehen ist.
Die Salutogenese (salus, lat.: Unverletztheit, Heil, Glück; genese, griech.: Entstehung) beschäftigt sich mit den Faktoren, die für eine Erhaltung von Gesundheit wichtig sind.
Im Mittelpunkt des salutogenetischen Konzepts steht der Begriff des „Kohärenzgefühls“.
Damit ist eine Haltung gemeint, wie man vorhandene persönliche Ressourcen, Kompetenzen und
Eigenverantwortlichkeit stärken kann, um sie für die Erhaltung von Gesundheit und für eine konstruktive Gestaltung des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens effektiv nutzen zu können.

Gesundheit ist in diesem Zusammenhang kein passiver Zustand, sondern ein aktives und sich dynamisch regulierendes Geschehen.

 Die Grundlagenforscher

Ein Forscher, der zu nachhaltigen Weichenstellungen in therapeutischen Konzepten beigetragen hat und der heute als Wegbereiter systemischer Therapiekonzepte gilt, war der Anthropologe Gregory Bateson.
In seinen frühen anthropologischen Studien in Neuguinea kam er zu dem Ergebnis, dass Menschen nicht einfach dominant oder unterwürfig, unterstützend oder abhängig, verrückt oder normal sind, sondern sich vielmehr in umfassenden Beziehungsmustern verhalten, die bestimmte „Eigenschaften“ erst hervorbringen.
Zum ersten Mal wurden menschliches Verhalten und die Ausprägung von Persönlichkeitsstrukturen im Rahmen von Beziehungssystemen diskutiert.

Heute weiß man, dass Menschen in jedem System – hier ist mit System allgemein die Gesamtheit interagierender Elemente gemeint – (sei es die Familie, das Team, die Firma, eine Organisation …) Rollen, Aufgaben und Funktionen übernehmen.
Die im System zugeschriebene Rolle bestimmt maßgeblich die Verhaltensmöglichkeiten und hat Einfluss darauf, als „wer“ man sich fühlt oder als „wer“ man von Anderen wahrgenommen wird.

Schon 1942 schrieb Bateson in „Moral und Nationalcharakter“ über den Menschen:

Sein Charakter ist an den Motiven und Mustern der Beziehungen
in der Gesellschaft ausgerichtet, in der er lebt.

Das entscheidende Element der Interaktion und Beziehungsgestaltung in jedem sozialen System ist die Kommunikation  (verbal oder nonverbal):

In der Kommunikation mit anderen und sich selbst formt sich die gesamte Art zu denken, zu fühlen und den Fluss der Wahrnehmungen zu interpunktieren heraus.
Und nur in der Kommunikation ist es möglich, die eigene Realität und das Selbst aufrechtzuerhalten.

Folgerichtig schrieb Bateson 1951 in „The Social Matrix of Psychiatry“ (zusammen mit dem Psychiater Ruesch) in Bezug auf die Anwendung im therapeutischen Bereich, dass das Ziel jeder Therapie die Neuregelung der Informationsverarbeitungsprozesse und
der Wirklichkeitswahrnehmung des Klienten sein müsse.

Die Sicht auf die sogenannten „psychopathologischen Phänomene“ veränderte sich vollständig:

Ängste, Zwänge, Süchte usw. sind keine DINGE (z.B. Sie haben Borderline ), die man handhaben, verdrängen, konfrontieren, medikamentös behandeln usw. kann. All diese „Störungen“ sind vielmehr Prozesse, die in jedem Moment auf eine spezifische Art und Weise von den Betroffenen aktiv vollzogen werden müssen.

In Bezug auf das Verhältnis zwischen TherapeutIn und KlientIn begründet Bateson die „Kybernetik 2. Ordnung“, die das alte Denken, die „Kybernetik 1. Ordnung“ ablöst.
Während die „Kybernetik 1. Ordnung“ noch davon ausgeht, dass der Therapeut die Rolle eines unabhängigen und unbeteiligten Beobachters einnehmen könne, postuliert die „Kybernetik 2. Ordnung“, dass der Therapeut mit all seinen Erkenntnismöglichkeiten Teil des Systems, des therapeutischen Kontextes ist und somit an allen Aspekten des therapeutischen Prozesses als Person aktiv beteiligt ist.

Es gibt keine vom Beobachter
unabhängige Wirklichkeit.

Ausgehend von der Kybernetik 2. Ordnung sind weltweit in verschiedenen Bereichen natur- und geisteswissenschaftlicher Forschung Ideen entwickelt worden, die man heute gerne mit der Überschrift „Konstruktivismus“ versieht.

Als Vorreiter seien hier genannt:
der chilenische Biologe Humberto Maturana, der Informatiker, Biophysiker und Physiologe Heinz von Förster, der Soziologe Niklas Luhmann und der Psychotherapeut und Psychiater Paul Watzlawick.

Als erkenntnistheoretische Haltung steht der „Konstruktivismus“ für die Auffassung, dass das, was wir Wirklichkeit nennen, das Ergebnis einer subjektiven „Erfindung“ ist.
Es wird keinesfalls geleugnet, dass es eine Welt „dort draußen“ gibt. Vielmehr wird betont, dass uns diese Welt lediglich per Beobachtung, per sinnesspezifischer Wahrnehmung zugänglich ist.
Bislang war man von der Annahme ausgegangen, dass die Sinnesorgane die Welt 1 zu 1 abbilden, dass sie sozusagen die Tore des Gehirns zur Welt sind und dass alle Informationen durch diese Tore ungefiltert ins Gehirn gelangen.

Neue Erkenntnisse in der Gehirnforschung belegen allerdings, dass die spezifische Modalität der Sinnesorgane, auf der unsere Sinneswelt zu beruhen scheint, `hinter‘ den Sinnesorganen offenbar verschwunden ist, so der Neurobiologe Gerhard Roth.

Die Sinnesorgane übersetzen die ungeheure Vielfalt der Welt in die ‚Einheitssprache‘ der bioelektrischen Ereignisse.
Bei diesem Übersetzungsprozess geht das „Original“ verloren.
Die „Sprache“ des Nervensystems selbst ist bedeutungsneutral.
Weil aber im Gehirn der signalverarbeitende und der bedeutungserzeugende Teil eins sind, können die Signale nur das bedeuten, was entsprechende Gehirnteile ihnen an Bedeutung zuweisen:
Wahrnehmung ist Interpretation, ist Bedeutungszuweisung.

Gerade in persönlichen und sozialen Kontexten ist das Modell einer „objektiven Wirklichkeit“ längst überholt.
Persönliche und soziale Wirklichkeit wird als etwas Dynamisch – Prozesshaftes gesehen,
das ständig durch das Handeln und die Haltung von Menschen und durch deren darauf bezogene Interpretationen und Bewertungen produziert bzw. konstruiert wird.

Schon bei Epiktet heißt es:

Erfahrung ist nicht das, was mit einem Menschen geschieht.
Sie ist das, was ein Mensch aus dem macht, was mit ihm geschieht, und wie er das Geschehene bewertet.

Paul Watzlawick formuliert das so:

Wir leben in einer imaginären Wirklichkeit

Eine ethische Relevanz des konstruktivistischen Weltbilds liegt in der Bedeutung des Begriffs „Verantwortung“, die sich für jeden Einzelnen ergibt, wenn er zu der Einsicht gelangt, dass die Welt, wie er sie beobachtet, Resultat seiner Beobachtungsweise ist.

Dazu Heinz von Förster:

Man kann nicht mehr andere verantwortlich machen für das, was man sieht, denn man ist ja selbst derjenige,
der diese Sicht konstruiert.
Die Menschen erhalten ihre Verantwortung in größtmöglichem Maße wieder zurück, können sie nicht an irgendeine übergeordnete Instanz oder irgendwelche äußeren Umstände abschieben. Sie werden Beteiligte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle biographischen Erfahrungen, die ein Mensch gesammelt hat, – und deren Interpretation – die Grundlage bilden für die Bewertung einer gegenwärtigen Situation.
Entsprechend dieser Bewertungen werden „Innere Landkarten“ angelegt, die in der Zukunft Orientierung geben, um neue „subjektive Wirklichkeiten“ zu schaffen.

 Lösungsorientierung versus Problemorientierung

Der problemorientierte therapeutische Ansatz wurzelt in alten europäischen Denktraditionen. Tiefenpsychologisches Denken ist so angelegt, dass man nach Ursachen, Gesetzmäßigkeiten, bzw. Erklärungsmodellen sucht, um Persönlichkeitsmerkmale, bzw. „abweichendes“ Erleben und Verhalten zu verstehen. Die Frage nach dem „Warum“ steht im Vordergrund.
Die Hoffnung bei dieser Arbeitsweise ist, dass die vormals ins „Unterbewusstsein“ verdrängten Erlebniskomponenten durch eine aufdeckende Vorgehensweise bewusst werden und damit eine Veränderung in der Haltung und dem Verhalten einhergeht.

Der lösungsorientierte Ansatz wurzelt im amerikanischen Pragmatismus.
Hier ist der Fokus der Aufmerksamkeit auf die Möglichkeiten effektiver Veränderung von problematischen Verhaltens- und Erlebensmustern gerichtet. Die Frage nach dem „Wie“ (der Veränderung) steht im Vordergrund.
Das methodische Repertoire zur lösungsbezogenen Initiierung und Begleitung von Veränderungs- bzw. Entwicklungsprozessen ist in den letzten Jahrzehnten sehr stark vorangetrieben worden.

In der heutigen, schnelllebigen Welt bietet ein rein problembezogener, vergangenheitsorientierter Ansatz nur noch eine mangelhafte Basis zur Lösung von Gegenwarts- und Zukunfts- Problemen:
Ein einseitiges „Starren“ auf die „in der Vergangenheit geprägten Muster“ absorbiert Energie, die dann für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben in Gegenwart und Zukunft fehlt. Schlimmstenfalls wirkt diepersönliche Bewertung des bewusst gemachten Musters wie eine Suggestion, die für eine Verfestigung des Musters, eine emotionale Untermauerung und deren Projektion in die Zukunft sorgt.

(Aus konstruktivistischer Sicht wirkt die Vergangenheit dadurch, dass wir in der Gegenwart darauf Bezug nehmen.
Insofern könnte man die Vergangenheit als eine prägnante Metapher für die Muster in der Gegenwart betrachten.)

Andererseits könnte die Bezugnahme auf die „aufgedeckten“ Muster für bestimmte Menschen eine stärkende Erkenntnis in dem Maße bedeuten, wie es gelingt, auf die Lernprozesse zu fokussieren und neue Weichenstellungen bei der Gegenwarts- und Zukunfts- Gestaltung vorzunehmen.

Ich plädiere hier für ein ausgewogenes „Sowohl – Als – Auch“, im Sinne einer zieldienlichen Nutzbarbarmachung von Ressourcen,
also sowohl der gewonnenen Erkenntnisse als auch der Lösungskompetenz, sowohl für eine wertschätzende Beschäftigung mit dem Problemerleben, als auch mit einer Ausrichtung auf die Lösung.
Das auf Vergangenheitsbewältigung orientierte gegenwärtige Vorgehen muss dringend durch ein auf Zukunft und Lösung orientiertes ergänzt werden.

 Anmerkung: Der Begriff „Lösung“ umfasst keinesfalls nur beglückende und jubeltönende Zustände. Er ist hier wortwörtlich zu verstehen, in dem Sinne, dass sich etwas löst.
Die Annahme von Verantwortung für ein Verhalten oder Erleben in einem bestimmten Kontext kann z.B. eine Lösung sein, auch wenn darin emotional eher unangenehme Aspekte enthalten sind.

Die Pioniere des Lösungsorientierten Ansatzes

In den letzten Jahrzehnten haben sich Pioniere im Bereich der Psychotherapie auf den Weg gemacht, den ausschließlichen Problemfokus der alteingesessenen Therapieformen zu verlassen und Methoden des Lösungsbezuges zu entwickeln.

Im Rahmen dieser Erörterung werde ich mich auf einige zentrale Persönlichkeiten und ihre Kernaussagen beziehen.

 Virginia Satir (1916-1988) ist die Begründerin der „Conjoint Family Therapie“.
Sie hat im Laufe ihrer langjährigen therapeutischen Arbeit und ihrer Lehrtätigkeit ein vielschichtiges Konzept psychosozialer Intervention entwickelt, in dem sowohl körperliche Aspekte, innerpsychische Prozesse (intellektuelle, emotionale, sinnliche), persönliche Prozesse der Informationsverarbeitung, als auch Interaktions- und Kommunikationsstrukturen Berücksichtigung finden.
Ihre Arbeit zeichnete sich aus durch ein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen, durch Humor, menschliche Wärme, Zielbewusstheit und Kreativität und durch eine große Wachsamkeit für zwischenmenschliche Interaktionsprozesse.
Sie hatte die Fähigkeit, sehr schnell ein tragfähiges Vertrauensverhältnis zu Menschen aufzubauen.
Über ihrem Tun stand eine zutiefst empfundene Wertschätzung allen Lebens.

Die Überzeugung von der Einzigartigkeit und Schönheit jedes einzelnen Menschen hat den Charakter der psychotherapeutischen Beziehung verändert. Die Hierarchie zwischen Therapeut und Klient wird zu einer Ich – Du – Beziehung, und diese menschliche Verbindung hilft dem Klienten, mit seiner Lebenskraft in Berührung zu kommen.
Sie begegnete ihren Klienten als Gleiche unter Gleichen in einer grundlegend akzeptierenden Haltung. Sie verzichtete ganz bewusst darauf, das Verhalten des Klienten zu bewerten. Einen Expertenstatus lehnte sie ab.

Einige Grundüberzeugungen von Virginia Satir:

  • Wachstumsorientierte Therapie fokussiert auf Gesundheit und Wahlmöglichkeiten anstatt auf Pathologie, fokussiert auf Erweiterungsmöglichkeiten anstatt auf Fehler.
  • Menschen sind grundsätzlich gut. Damit sie sich mit ihrem eigenen Selbstwert verbinden können, brauchen sie Zugang zu ihrem inneren Selbst, zu ihren Stärken.
  • Jeder Mensch verfolgt mit seinem Verhalten positive Absichten. Egal wie verurteilenswert das Verhalten ist,
    es ist gleichzeitig eine Einladung, sich auf die Suche nach den dahinter liegenden Motiven zu machen.
  • Menschen haben alle notwendigen Ressourcen, um wachsen zu können.
  • Die Vergangenheit ist nicht veränderbar, doch deren heutige Auswirkungen.
  • Frühe (negative) Prägungen können verändert werden durch neue Erfahrungen.
  • Individuelle Veränderungen müssen mit den Kontextbedingungen abgestimmt werden.
  • Gesunde menschliche Beziehungen beruhen auf Gleichwertigkeit.
  • Hoffnung ist ein signifikantes Element für Veränderung.

Milton Erickson (1901-1980) war Arzt und Psychologe und hat durch sein Lebenswerk lösungsorientierte Therapieansätze nachhaltig mitgeprägt. Sein Interesse lag so sehr in der Aktivierung von Veränderung, dass er Diagnostik immer mehr vernachlässigte und im Laufe der Jahre eine atheoretische Haltung einnahm. Er lehnte umfassende Persönlichkeitstheorien strikt ab.
Solche Theorien waren seiner Meinung nach nicht nur schädlich für den Klienten, sie schränkten auch die Bandbreite der Verhaltens- und Denkmöglichkeiten der Therapeuten ein.
Sein kooperativer Arbeitsstil als Hypnosetherapeut, der in krassem Gegensatz zu dem damals (und heute ?) üblichen „autoritären“ Ansatz stand, war gekennzeichnet von der Flexibilität, sich auf jeden Menschen neu einstellen zu können und sich in seinen therapeutischen Interventionen an den Bedürfnissen und Zielen der Klienten zu orientieren.

Ein zentrales Prinzip der Psychotherapie Ericksons war das der „Utilisation„:
Er verstand darunter die zieldienliche Nutzbarmachung von hilfreichen Aspekten aus dem subjektiven Modell der Welt des Klienten.
Utilisation bezieht sich auf eine Vielzahl von Aspekten aus dem Bezugsrahmen des Klienten:

  • die Haltung
  • die Denk- und Fühlmuster
  • die Lebens – Kontext – Bedingungen
  • die systemische Dynamik
  • Sternstunden
  • Stärken, Erfolgserlebnisse, Fähigkeiten, Qualitäten
  • Werte und Überzeugungen
  • Selbstbilder
  • Erfahrungen von Gemeinschaft und Zugehörigkeit

Mit diesem Ansatz, der einen Kontrapunkt zum analytischen Modell setzte, zeigte Erickson sogar die Nutzbarmachung von so genannten „Widerständen“.
„Widerstand“ war nun nicht mehr ein „heilungsverhinderndes Phänomen“, sondern konnte aus dem Wissen heraus, dass Resistenz vor allem ein „interaktionsbedingtes Phänomen“ war, direkt zur Lösung von Problemen oder für eine Trance – Induktion verwendet werden. Auch an anderer Stelle nahm Erickson eine deutlich andere Haltung ein.
So widersprach er vehement der Freud´schen Konzeption des „Unbewussten“.
Während Freud glaubte, dass das „Unbewusste“ ein Bereich für verdrängtes Material, eine Art „Sondermülldeponie“ für seelische Auslagerungen ist, war das „Unbewusste“ für Erickson ein Bereich, der zum einen dem „Bewussten“ weit überlegen war und zum anderen eine ganze Menge an Lernerfahrungen, Ressourcen und persönlichen Kompetenzen enthielt.

In der Ausbildung von Therapeuten legte Erickson großen Wert darauf, nicht nur therapeutische Techniken zu vermitteln, sondern Flexibilität und die innere Freiheit zu trainieren, das tun zu können, was in einem spezifischen Fall angemessen erscheint.

Einige Grundüberzeugungen von Milton Erickson:

  • Interpretation (eines Erlebens beim Klienten) ist eine absurde Reduktion einer komplexen Kommunikation.
  • Der bewusste Verstand ist sehr klug und weise, doch das Unbewusste ist um ein vielfaches weiser.
  • Die Bedeutungsgebung von Erfahrung ist eine hypnotische Induktion mit allen physiologischen, gedanklichen und emotionalen Folgen.
  • Die Würde des Menschen liegt in seiner Einzigartigkeit.
  • Alle Ressourcen für Veränderung sind bereits vorhanden.
  • Zukunftsimaginationen sind hilfreich, wenn sie in Bezug zu Bedürfnissen in der Gegenwart stehen.
  • Fokussierung von Aufmerksamkeit auf das gewünschte Erleben (Future Pace) unterstützt die Effektivität des Prozesses.
    Dabei hilft besonders die Aktivierung von unwillkürlichem Erleben.
  • Menschen verändern sich vor allem durch Erfahrungen. (mit sinnesspezifischen Inhalten)

 Steve De Shazer war ein Schüler Milton Ericksons und einer der ersten, die die von Erickson dokumentierten berühmten 7oo Fälle studierten. Er übernahm einige Grundhaltungen und filterte aus den Studien ericksonischer Arbeit die Aspekte heraus, die heute unter dem Namen „Solution Focussed Therapie“ weltweit bekannt sind.

Die Orientierungspunkte seiner Arbeit sind bis heute:

  • die grundlegende Akzeptanz und Wertschätzung des Klienten
  • die Utilisation von therapierelevanten Aspekten aus dem Klientensystem
  • die Fokussierung auf Kompetenzen, Fähigkeiten und Lösungen
  • das Erkunden von „Ausnahmen“ vom Problemerleben

Die Systematisierung seiner therapeutischen Fälle hat gezeigt, dass die Beschwerde des Klienten fast immer den Wunsch beinhaltet, von etwas befreit zu werden, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie das zu bewerkstelligen ist.
Deshalb wird jeder Unterschied im Verhalten, Denken, Fühlen, Wahrnehmen im Kontext dafür genutzt, einen Unterschied zu machen, (der einen Unterschied macht), der zur Lösung der Beschwerde führt. Jede Art von Unterschiedsbildung verdeutlicht die Veränderbarkeit von Erlebniszuständen.

De Shazer nutzt in seiner Arbeit ganz konsequent das von Erickson entwickelte Konzept des „Future Pacing“, das ursprünglich,
angelehnt an analytisches Denken, „Pseudoprojektion“ hieß.

Sie können sich erlauben, mit Ihrer Aufmerksamkeit zu einem Punkt in der Zukunft zu gehen, von dem aus Sie zurückschauen können …
frei nach Erickson

De Shazer kreierte daraus die „Wunderfrage“, mit der er die Klienten dazu einlädt, die Aufmerksamkeit auf eine Zeit zu richten, in der das geschilderte Problem bereits gelöst ist, ohne zu wissen, wie dieser Prozess der Problem – Lösung zustande gekommen ist und ohne zu wissen, wie er verläuft. Es geht hier um eine Fokussierung auf das gewünschte Ergebnis.

Diese Vorwegnahme einer veränderten (erfüllten) Zukunft bzw. einer fiktiven Wirklichkeit hat emotionale und physiologische Auswirkungen, die wiederum für eine Lösungsentwicklung utilisiert werden können.

Ein weiterer interessanter Aspekt von De Shazers Arbeit war die Erkenntnis, dass in einer Zeit, in der es ständig um Veränderung geht, das „Gute und Erhaltenswerte“ oft in Vergessenheit gerät.

Deshalb formulierte er eine „Standardaufgabe“, die er den Klienten nach der ersten Sitzung mitgab:

Bis zur nächsten Sitzung beobachten Sie bitte und beschreiben uns dann,
was in Ihrem Umfeld so abläuft, dass Sie der Meinung sind, es soll so bleiben.

Die Liste interessanter Persönlichkeiten könnte fortgesetzt werden.
Viele ehemalige Schüler von Virginia Satir und von Milton Erickson haben eigene Therapieschulen gegründet, und die Grundpositionen einer lösungsorientierten Psychotherapie entsprechend ihrer Persönlichkeit und den jeweiligen Erkenntnissen weiterentwickelt.
Es ging mir hier lediglich darum, einige wichtige Aspekte einer modernen Psychotherapie am Beispiel Satir, Erickson und De Shazer darzustellen.

Strukturelemente einer modernen Psychotherapie

Jenseits von Interventionsformen und deren Sinnhaftigkeit, möchte ich an dieser Stelle einige Punkte hervorheben, die ich als Voraussetzung für jegliches therapeutisch / beraterisches Tun ansehe:

  • Klienten brauchen die volle Akzeptanz und Wertschätzung ihrer Person und ihres Erlebens
  • Jede Intervention muss im Einklang mit den Vereinbarungen sein, die zwischen Therapeut und Klient bzgl. Aufträgen und Zielen
    getroffen werden
  • Therapeuten brauchen
    – ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten,
    – individual- und systemtherapeutische Kompetenzen (Menschen sind als Individuen und als Teil eines Systems zu sehen),
    – Flexibilität im professionellen Umgang mit den Wirklichkeitskonstruktionen des Klienten
    – die Fähigkeit, Botschaften des Klienten zu utilisieren

In jeder Therapiesitzung geht es um eine Vielzahl von Informationen und Details auf verbaler und körpersprachlicher Ebene.
Die nachfolgenden Fragen und Erläuterungen dienen der Strukturierung und orientieren sich an den zentralen Elementen einer kooperativ gestalteten und problem- lösungs- ausgerichteten Therapiesitzung:

Symptombeschreibung und signifikante emotionale Erfahrungen des Klienten:

  •  Wie nimmt der Klient das Problem wahr, wie schildert er das Problem ?
  • Wie sind Körpersprache und Worte miteinander verknüpft ?
  • Welche Werte und Überzeugungen werden genannt ?
  • Welche Identitäts- oder Zugehörigkeitsaussagen gibt es ?
  • Welche Auswirkungen hat die Symptomatik (innerlich und auf andere Personen ?
  • Wem und auf welche Weise schadet das Problem ?
  • Wem und auf welche Weise nutzt das Problem ?
  • Aus welchen anderen Lebenskontexten kennt der Klient das Problemerleben ?
  • Welche Überzeugungsmuster, welche Denk- und Fühl- Muster stehen dahinter ?
  • Welche Konflikte (innere und äußere Muster) stehen dahinter ?
  • Welche problemstabilisierenden Strategien werden beschrieben ?
  • Was würde fehlen, wenn das Problem nicht mehr existiert ?
  • Welche positiven Funktionen / Absichten stehen hinter der Symptomatik ?
  • Welche Ausnahmen vom Problemerleben beschreibt der Klient ?
  • Welche Beschreibungen enthalten Lösungsversuche ?

 Auftragsvereinbarungen

Bei der Auftragsklärung wird herausgestellt, welche Inhalte auf welche Weise zwischen Therapeut und Klient bearbeitet werden.
Daraus resultieren Vereinbarungen, die zum einen die Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen des Klienten und zum anderen die therapeutischen Interventionsangebote beinhalten. Zentral hierbei ist das beidseitige Einvernehmen über die Vorgehensweise.
Zum therapeutischen Know how gehört die Flexibilität, bereits bestehende Therapieaufträge und
formulierte Ziele ggf. neu zu justieren, zu verfeinern oder in Absprache mit dem Klienten zu verändern.

  • Welche Aufträge formuliert der Klient ?
  • Was soll auf alle Fälle so bleiben, wie es ist ?
  • Welche Veränderungen sind gewünscht ?
  • Welche Hinweise gibt es auf verdeckte Aufträge ?
  • Welche anderen Aufträge stehen im Raum ?
  • Welche Widersprüche gibt es bei den bestehenden Aufträgen?
  • Welche Aufträge sind annehmbar, welche nicht ?

Ziele

Man weiß heute, dass Veränderung und Entwicklung effektiver geschieht, wenn der Prozess auf die Verwirklichung von Wünschen, Sehnsüchten und Zielen ausgerichtet ist.
Zielformulierungen dienen dazu, einen Horizont für neue Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster zu öffnen.
Der Therapeut unterstützt den Klienten dabei, eine Zielbeschreibung zu finden, die deutlich sichtbare physiologische Reaktionen zur Folge hat. Es ist sinnvoll, die Zielbeschreibungen des Klienten in Bezug auf die dahinter liegenden Werte und Motive zu hinterfragen und dann deren Konkretisierung zu thematisieren.

  • Was will der Klient erreichen ?
  • Welche Veränderungen sind gewünscht ?
  • Welche Hoffnungen und positiven Erwartungen sind vorhanden ?
  • Welche Hinweise gibt es auf das „gewünschte Erleben“
  • Wofür ist das genannte Ziel wichtig ?
  • Was erreicht der Klient dadurch ?
  • Welche Werte und Überzeugungen stehen dahinter ?
  • Woran würden Sie merken, dass Sie das Ziel erreicht haben ?
  • Woran würden Andere es merken ?
  • Welche Auswirkungen wird es haben, wenn das Ziel erreicht ist ?

Ziele können durchaus unspezifisch formuliert sein.
Das schafft Raum für kreative Prozesse, in denen sich neue Perspektiven eröffnen.
Letztendlich ist eine günstige Zielbeschreibung eine Beschreibung in Verhaltens- bzw. Erlebens- Termini.

Ressourcenaktivierung

Oftmals haben Klienten, wenn ihre Aufmerksamkeit vom Problemerleben absorbiert ist, keinen Zugang zu ihren Stärken und persönlichen Kompetenzen. Es besteht dann die Tendenz, Probleme zu verdinglichen und zu verallgemeinern, so als gäbe es nur noch das Problem.
Pathologisierende Diagnosen verstärken – wie schon gesagt – den Problemfokus und stabilisieren das Problemerleben.

 Yvonne Dolan, eine weltweit renommierte Psychotherapeutin und Schülerin von Milton Erickson hat sich spezialisiert auf die Behandlung von Vergewaltigungsopfern und schwer traumatisierten Menschen.
Sie selbst wurde in ihrer Kindheit und Jugend mehrmals vergewaltigt und misshandelt.
In ihren Seminaren erzählt sie gerne folgende Geschichte:

Einige Jahre meiner Jugend verbrachte ich bei einer Tante in einem Haus an einem großen See. In der Mitte des Sees befanden sich große rostige Tanks, die sehr hässlich aussahen. Lange Zeit sah ich in den rostigen Tanks die Hässlichkeit des Lebens und meiner eigenen Biographie.
Mit der Zeit lernte ich aufzuhören, immer nur diese Tanks anzustarren. Ich entdeckte die Schönheit des Sees.

Steve de Shazer hat in den ersten Jahren seines therapeutischen Schaffens eine sehr einfache Beobachtung gemacht:

Es gibt bei jedem Menschen Ausnahmen vom Problemerleben.

Wenn man den Klienten einlädt, für einen Moment die Aufmerksamkeit auf eine Ausnahmesituation zu richten,
erreicht man sehr schnell Veränderungen.

Der Effekt ist ebenso einfach wie die Beobachtung an sich:

  • Die Einflussfaktoren für „Problem“ bzw. für „Ausnahme vom Problem“ werden deutlich
  • Die Unterschiede im Denken, Fühlen und Verhalten werden erkennbar
  • Die Erkenntnis: „ich bin sehr wohl in der Lage, schwierige Situationen zu meistern“ stärkt
    die eigenverantwortliche Handlungskompetenz

Das Erleben von „Ausnahmesituationen“ und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen lassen sich
hervorragend für die Gestaltung von Lösungsszenarien nutzen (s. Utilisation).

Ich halte es heute für eine ethische Verpflichtung von Therapeuten, neben der Fokussierung auf das Problem auch eine ressourcenorientierte Sicht und Haltung einzunehmen, um ihre Klienten darin zu unterstützen, sie zu ermächtigen, ein eigenverantwortlich gestaltetes und erfülltes Leben führen zu können.

Es geht also um folgende Fragen:

  • Welche Stärken hat der Klient ?
  • Was kann der Klient gut ?
  • Welche Kompetenzen sind vorhanden ?
    (und auch in der Aufrechthaltung von Problemmustern liegt Kompetenz, die man für Lösungen nutzen kann)
  • Welche positiven Werte sind vorhanden, die Orientierung und Stärkung geben ?
  • Wodurch ist eine Veränderungsbereitschaft motiviert ?
  • Welche Überzeugungen haben bisher dazu geführt, dass
    – das Schlimmste verhindert wurde ?
    – eine gewisse „Normalität“ gewahrt wurde ?
  • Welche positiven Erfahrungen haben wichtige Ressourcen vermittelt ?
  • In welchen Situationen gibt es welche inneren Selbstbestätigungen, Selbst – Wertschätzungen ?
  • Welche positiven Aspekte von „Selbstbild“ sind vorhanden ?
  • Was ist gut an dem, wie es ist ?

Lösungsgestaltung

Lösung ist hier in dem Sinne zu verstehen, dass sich etwas löst.
Klienten haben, bevor sie einen Therapietermin vereinbaren, höchstwahrscheinlich eine Reihe von
Lösungsversuchen gestartet, die entweder gescheitert sind oder nicht das gewünschte Ergebnis gebracht haben.

Manchmal stellt die spezifische Ausprägung eines Problemerlebens einen Lösungsversuch dar in Bezug auf ein dahinter liegendes Thema: So kann z.B. ein Klient eine ausgeprägte „Angst – Sympomatik“ entwickeln, mit der Konsequenz, sich von der Außenwelt abzuschotten, nur um sich vor Verletzungen und vermeintlich bedrohlichen Einflüssen zu schützen.
Auch körperliche bzw. psychosomatische Phänomene enthalten „Lösungsversuche“.

In diesem Zusammenhang kann sogar eine Problemorientierung ressourcevoll sein, wenn sie aus einer kompetenzorientierten Haltung des Therapeuten heraus geschieht.
Wichtig dabei ist, dass sie dem Klienten eine wertschätzende Sicht des eigenen Erlebens vermittelt,
die die im Problem und die in der Aufrechterhaltung des Problems gebundene Energie und Stärke würdigt.
Lösungsversuche geben Rückmeldung über die Art und Weise, wie und in welchen Mustern der Klient denkt und dem Erlebten Bedeutung gibt. Es ist also sinnvoll, nach bisherigen Lösungsversuchen zu fragen:

  • Für welchen Bezugsrahmen stellt das Problemerleben einen Lösungsversuch dar?
  • Welche Aspekte des Problemerlebens enthalten Lösungsansätze ?
  • Welche Lösungsversuche sind bisher bewusst vom Klienten ausprobiert worden ?
  • Was hat sich am meisten bewährt, was am wenigsten ?
  • Auf welche Weise ist der Klient in früheren Situationen konstruktiv mit ähnlichen Problemkonstellationen umgegangen ?
  • Welche Einflussfaktoren gab es damals, welche heute ?
  • Was hat der Klient bisher aus seinen Erfahrungen gelernt ?
  • Woran würde der Klient merken, dass eine für ihn gute Lösung erreicht ist ?
  • Welche Kriterien müsste eine Lösung erfüllen ?
  • Was muss eine Lösung auf jeden Fall beinhalten, was darf sie auf keinen Fall beinhalten ?
  • Welche Überzeugungen gibt es für zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion ?

Der Entwurf von Lösungsszenarien macht nur dann Sinn, wenn die Lösungen auf ihre Realisierungsmöglichkeiten hin überprüft werden:

  • Welche Kontextbedingungen braucht die Lösung ?
  • Was macht der Klient konkret, wenn das Problem gelöst ist ?
  • Wie werden andere Menschen (z.B. im Familienkontext) auf die Veränderungen reagieren ?
  • Wie geht der Klient mit den Reaktionen um ?
  • Wer könnte die gewünschten Veränderungen verhindern ?
  • Wer könnte sie unterstützen ?
  • Wie geht der Klient damit um ?

Das neue Problem – Lösungs – Denken

In der modernen Hypnotherapie hat Steven Gilligan, ein Erickson – Schüler, die Begriffe „Problemtrance“ und „Lösungstrance“ geprägt.

„Trance“ wird hier verstanden als ein Zustand fokussierter Aufmerksamkeit, bei dem durch äußere und/oder innere Auslöser unwillkürliches, assoziiertes Erleben (es geschieht von selbst) induziert wird.

Problemerleben, so wie es von den meisten Klienten geschildert wird, erfüllt genau diese Kriterien:
es geschieht unwillkürlich, d.h. es besteht im Denken des Klienten keine bewusste Einflussmöglichkeit, und ist durch absorbierte Aufmerksamkeit (im Problem) charakterisiert.

Die therapeutische Zielrichtung, für die hier geworben wird, beinhaltet die Wertschätzung der subjektiven Landkarten des Klienten, die Würdigung der „Problemtrance“ als für den Klienten bestmögliche Art, mit den Gegebenheiten umzugehen, und die Unterstützung bei der Beschreibung von Ziel- und Lösungsaspekten und dem Erleben einer „Lösungstrance“.

Ein zweiter Aspekt, der die Grundannahmen Batesons verdeutlicht, ist folgender:

Probleme werden nur als Probleme wahrgenommen, wenn internal (und das kann auch bedeuten, durch äußere Einflüsse „angeregt“)
eine Unterschiedsbildung vorgenommen wird, wenn es also eine wahrnehmbare Diskrepanz zwischen dem Gegenwartserleben und dem gewünschten Erleben gibt.

De Shazer formuliert das kurz und knapp:

Ein Problem ist nur ein Problem, wenn es einen Unterschied macht

Logischerweise geht es im therapeutischen Setting um eine bewusste Unterstützung des Klienten bei einer aktiven Bildung von hilfreichen Unterschieden.

Jeder Veränderungs- bzw. Entwicklungsprozess braucht die Nutzbarmachung der vorhandenen Ressourcen / Stärken / Kompetenzen des Klienten. Nur so kann Veränderung effektiv gelingen.

In der therapeutischen Gegenwartslandschaft liegt der Schwerpunkt immer noch auf Vermeidung und Beseitigung von „Krankheit“.
Dieses Denken und das dahinter liegende Menschenbild bedürfen dringend einer Korrektur in der Art, dass therapeutische Prozesse die Einflussfaktoren des sozialen Umfeldes der Klienten einbeziehen und auf Ressourcen und Lösungen ausgerichtet werden.

Bei diagnostischen Maßnahmen (diagnoskein: genau untersuchen, erkennen, unterscheiden)
muss der noch vorhandene ausschließliche Problemfokus dringend ergänzt werden durch eine
Fokussierung auf die Wünsche und Ziele der Klienten.

Es spricht für sich, dass in Deutschland bis zum heutigen Tage lediglich 2 therapeutische Verfahren
(nämlich diejenigen mit Problemfokus) Anerkennung gefunden haben, während auf Europaebene mittlerweile 15 therapeutische Disziplinen (und zwar alle, die in den letzten 4-5 Jahrzehnten entwickelt wurden) als „wissenschaftlich fundierte Psychotherapieverfahren“ gelten.